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München

WELTEN AUS PAPIER

Die „Papierdialoge“ von Judith Hummel im Schweren Reiter begeistern in vielen Arrangements



Papier wird hier zum Gesprächspartner von Heidi Schnirch. Dieser Dialog ist so persönlich und schön, dass es den Zuschauer in eine ganz eigene, sich stetig wandelnde Welt entführt.


  • "Papierdialoge" von Judith Hummel Foto © Roberto Duarte

Es raschelt, es rauscht, es zischt, es grollt, es wischt. Man fühlt sich, wie wenn man im Wald wäre oder am Meer oder auf einem Berg. Um einen herum die Natur. Geräusche, die einen die unglaubliche Gewalt der Natur erahnen lassen: Wellen, Sturm, Donner. Doch man befindet sich im nüchternen Raum des Schweren Reiter, umgeben von Papier und Skulpturen aus eben diesem Material. Es ist keine Tanzperformance, auch kein Theaterstück, sondern eine Installation, die live entsteht. Bildende Kunst, die sich erst bildet. Der Zuschauer ist Zeuge, Platz nimmt er natürlich auf Papphockern. Er kann sich frei bewegen im Raum, diesen verlassen, zurückkommen, seine Position und somit seinen Blick auf das Geschehen ändern. Was passiert?

Die Performerin Heidi Schnirch bedient sich an fünf Papierspendern, ordnet Stücke, die sie diesen entreißt, an, verändert den Raum, schafft eine Landschaft, trifft Entscheidungen. Sie arbeitet mit Bildern, die sie ständig begleiten. Sie reagiert auf das Papier, auf die Widerspenstigkeit und Schwere des Materials, der sie ausgesetzt ist und die sie manchmal überwältigt. Dies ist so persönlich und schön, gerade durch die Einfachheit des Materials. Heidi Schnirch lässt sich Zeit, schließlich führt sie Dialoge mit dem Papier. Mal ist es ganz still im Raum, mal unglaublich laut ob der gewaltigen Papiermassen, die sich bewegen. Es entstehen Bäume, Skulpturen, ein Ort, der zum Innehalten, Ruhen, Nachdenken einlädt.

Warum gerade Papier? Judith Hummel hat dadurch, dass sie Dinge darauf aufschreibt eine Beziehung zum Material, zur Bewegung, die entstehen kann und zum Sound, der in dieser Aktion entsteht. Es hat viel mit Komposition zu tun. Deswegen passt die Musik von Lorenz Schuster mit dem von ihm erfundenen Instrument Elektroneon ebenfalls perfekt zu dieser Live-Installation. Durch vorhandenes Soundmaterial erweitert, unterstreicht er das, was in der Mitte durch die Performerin geschieht. Oder lässt in den Momenten, die es verlangen, Stille walten, denn in dieser liegt manchmal die Kraft. Ein weiteres Element, ein weiteres Auge, das auf die „Papierdialoge“ blickt, ist Roberto Duarte, dessen Videos auf drei Fernsehern während der Performance zu sehen sind. Und obwohl auch noch eine Lichtinstallation von Charlotte Marr einen Papier-Barcode aufgreift, kommen sich diese Elemente nie in den Weg, sondern existieren simultan, ohne Dramaturgie, ganz natürlich. Wie es in der Natur eben auch ist. Ein großer Wald an Bäumen, Klängen, Mustern und und und... Die Erfahrbarmachung dieses Inspirationsbeckens ist das, was den Zuschauer erwartet.

Man kann sagen, dass Papier noch nie so lebendig war, noch nie so kommunikativ, da es hier nicht nur beschrieben wird, sondern selbst in Aktion tritt. Der Hauptdarsteller, wenn man so will, in einer Performance, die für zwei Stunden den Zuschauer aus seiner Komfortzone holt und mit einem so alltäglichen Material konfrontiert. Schön und schlicht.

Veröffentlicht am 29.02.2016, von Natalie Broschat in Homepage, Kritiken 2015/2016

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