HOMEPAGE



Düsseldorf

DEM TOD IN DIE ARME TANZEN

Ballettabend b.22 in Duisburg mit Schläpfer und Robbins



Neuer Ballettabend mit Jerome Robbins' asketisches Ballett "Moves" und Martin Schläpfers vielschichtig opulente Choreografien "verwundert seyn - zu sehn" (2015) und "Ein Wald, ein See" (2006).


  • "verwundert seyn - zu sehn" von Martin Schläpfer: Marcos Menha, Ann-Kathrin Adam Foto © Gert Weigelt
  • "verwundert seyn - zu sehn" von Martin Schläpfer: Marcos Menha, Chidozie Nzerem Foto © Gert Weigelt
  • "verwundert seyn - zu sehn" von Martin Schläpfer: Philip Handschin, Sonia Dvorak, Marcos Menha, Aryanne Raymundo Foto © Gert Weigelt
  • "verwundert seyn - zu sehn" von Martin Schläpfer: Louisa Rachedi, Marcos Menha Foto © Gert Weigelt
  • "verwundert seyn - zu sehn" von Martin Schläpfer Marcos Menha, Ann-Kathrin Adam Foto © Gert Weigelt
  • "verwundert seyn - zu sehn" von Martin Schläpfer: Helen Clare Kinney, Marcos Menha, Christine Jaroszewski, Ann-Kathrin Adam Foto © Gert Weigelt
  • "Ein Wald, ein See" von Martin Schläpfer: Julie Thirault Foto © Gert Weigelt
  • "Ein Wald, ein See" von Martin Schläpfer: Ensemble Foto © Gert Weigelt
  • "Ein Wald, ein See" von Martin Schläpfer: Julie Thirault, Andriy Boyetskyy Foto © Gert Weigelt
  • "Ein Wald, ein See" von Martin Schläpfer: Ann-Kathrin Adam, Boris Randzio Foto © Gert Weigelt
  • "Moves" von Jerome Robbins: Ensemble Foto © The Robbins Rights Trust Foto: Gert Weigelt
  • "Moves" von Jerome Robbins: Ensemble Foto © The Robbins Rights Trust Foto: Gert Weigelt
  • "Moves" von Jerome Robbins: Nathalie Guth, So-Yeon Kim, Paul Calderone Foto © The Robbins Rights Trust Foto: Gert Weigelt
  • "Moves" von Jerome Robbins: Ensemble Foto © The Robbins Rights Trust Foto: Gert Weigelt
  • "Moves" von Jerome Robbins Foto © The Robbins Rights Trust Foto: Gert Weigelt


Martin Schläpfers neues Tanzstück "verwundert seyn - zu sehn" gibt viele Rätsel auf. Mehr als meist spielt der Schweizer mit Magie, Poesie und realen Charakteren. Ausgangspunkt seines Konzepts sind philosophische Gedanken und Texte von Arthur Schopenhauer, woraus auch der Titel stammt. "... verwundert seyn, zu sehn, dass Das, was sie (die meisten Menschen) so ungeachtet und ungenossen vorübergehn ließen, eben ihr Leben war, eben Das war, in dessen Erwartung sie lebten", formuliert der Philosoph in seinen "Kleinen philosophischen Schriften" und schlussfolgert: "... so ist denn der Lebenslauf des Menschen, in der Regel dieser, daß er von der Hoffnung genarrt, dem Tode in die Arme tanzt".

Als prächtig geschmückter afrikanischer Stammesfürst betritt Yuko Kato im gleißenden Scheinwerferkegel die kahle Bühne, stellt ein winziges silbernes Glöckchen auf dem Boden ab und schreitet zurück in die Kulissen. Von hinten arbeiten sich diagonal zur Bühnenmitte Marcos Menha - schmächtig mit durchtrainiertem, weiß-blassen Körper - und Chidozie Nzerem - markig muskulös, dunkelhäutig. Die beiden so gegensätzlichen, grandiosen Tänzer bilden ein eng verschlungenes, mit einander ringendes Menschenknäuel, das eine sinnlich erotische Aura verströmt. Als sich Ann-Kathrin Adam nach dem hellen Klingeln des Glöckchens schließlich zart und heiter wie eine Fee des Guten zwischen das Paar schiebt, hat der Ringkampf (vorerst) ein Ende. Zu Tode erschöpft sinkt Menha nieder. Immer wieder aber entbrennt der Kampf um die Seele des jungen Mannes. Louisa Rachedi animiert - wieder klingelt's - mit kokett schwingendem, türkisfarbenen Plisseeröckchen über Keso Dekkers raffiniertem Trikot für alle Damen dessen Lebenslust zu den heiter perlenden Klängen von Liszts Walzer "Le bal de Berne". Camille Andriot - hinreißend "wild" mit ungebändigter Löckchenpracht! - lockt mit schlangengleichen Verführungskünsten, Wagners Venus nicht unähnlich. Lautlos tauchen geisterhafte Gestalten wie Phantasmagorien düsterer Mächte des Unbewussten auf aus dem Bühnendunkel und müde Waldläufer wie Karikaturen von Joggern. Was - so untypisch für Martin Schläpfer - geradezu wie ein dramatisch zelebriertes Ballettmärchen anmutet, ist aus Sicht des Choreografen der innere Monolog eines zweifelnden Menschen.

In den "Dickicht des Menschseins" entführt Schläpfer das Publikum am Ende des dreiteiligen Abends auch mit der Neueinstudierung des düsteren Naturschauspiels "Ein Wald, ein See" von 2006. Kleidet Catherine Voeffray die Damen des 15-köpfigen Ensembles hier in asymmetrisch geschnittene, unfertige Abendroben und die Herren in schwarze Lederkluft mit Punkfrisuren wie ein ominöses, drogen-geschwängertes Disco-Völkchen, so ist die Nähe zu gurrenden und kreischenden Sumpfvögeln unter einer schwebenden Konstruktion aus metallisch glänzendem, quer und längs verwobenen Gestänge immer präsent als Chiffre für den menschlichen "Dschungel aus innerlichen Untiefen". Auch hier also geht es Schläpfer, wie in der Auftaktchoreografie, um Verwirrung und Entzerrung menschlicher Gefühlsebenen. Eine ganze Batterie ungewöhnlicher Instrumente von Wassertrommel bis Hathway-Gitarre, slowakische Hirtenflöte und rau-kehligem Gesang setzt Komponist Paul Pavey für seine live präsentierte Klanglandschaft zu Schläpfers Naturbildern ein. Brillant begleitet der weißrussische Pianist Denys Proshayev die drei Szenen der Uraufführung mit zwei Sonaten von Alexander Skrjabin und Franz Liszts Walzer.

Schläpfer schafft in seinen beiden Balletten eine Aura und Szenarien wie man sie bisher kaum von ihm kannte. Der Tanz ist von höchstem technischen Anspruch und (natürlich wieder) frappierender Originalität und exquisiter tänzerischer Qualität, aber gelegentlich auch schockierend banal bis hin zu Anmutungen zum Jazzdance in den Gruppenszenen der aufmüpfigen Sumpfkreaturen in "Ein Wald, ein See". Ist es Weltwut, die sich hier derart dynamisch Bahn bricht? Oder geniale Sicht auf menschliche Irrungen und Wirrungen im allzu lauten, hektischen Heute?

Auf den ersten Blick könnten die Gegensätze kaum größer sein zwischen Jerome Robbins' asketischem Ballett "Moves" von 1959 für ein Dutzend Tanzende in bunten Balanchine-Badeanzügen oder Freizeitklamotten und Martin Schläpfers vielschichtig opulenten Choreografien, die das neoklassische Meisterwerk des Amerikaners in dem Programm b.22 des Ballett am Rhein umrahmen. Körper contra Kopf möchte man fast sagen. Aber das würde Robbins' "Ballet in Silence" nicht gerecht werden. Seine Besonderheit verdankt dieses musiklose Tanzstück dem Umstand, dass Aaron Copeland sein Auftragswerk nicht rechtzeitig lieferte. Ein Glücksfall, möchte man fast sagen. Denn wie kostbar ist die völlige Konzentration auf die Bewegung der sechs Tänzerinnen und sechs Tänzer, die eine stringente, ebenso unterhaltsame wie bewundernswert akkurate "hohe Schule" des neoklassischen Balletts vorführen - was oft geradezu wie ein "mechanisches" Ballett wirkt, das an Oskar Schlemmers geometrisch rigide Körpersprache erinnert oder an Skulpturen der klassischen Moderne, aber doch immer wieder auch menschliche Regungen und Beziehungen signalisiert.

www.ballettamrhein.de

Veröffentlicht am 25.01.2015, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2014/2015

Dieser Artikel wurde 6900 mal angesehen.



Kommentare zu "Dem Tod in die Arme tanzen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    ABSCHIED UND AUFBRUCH

    b.41 mit Schläpfer-Uraufführung in Düsseldorf

    Mit einer Prise Abschiedsschmerz hat Martin Schläpfer das Programm b.41 zum Auftakt seiner letzten Saison am Rhein gewürzt. Sie überdeckt glücklicherweise nicht die delikaten Aufbruchs-Essenzen.

    Veröffentlicht am 24.11.2019, von Marieluise Jeitschko


    DEMIS VOLPI WIRD BALLETTDIREKTOR UND CHEFCHOREOGRAF DES BALLETTS AM RHEIN

    Zur Spielzeit 2020/21 tritt der Choreograf die Nachfolge von Martin Schläpfer an

    „Demis Volpi ist einer der spannendsten, kreativsten und vielversprechendsten Choreografen und Regisseure der jungen Generation“, so der Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein, Prof. Christoph Meyer.

    Veröffentlicht am 15.03.2019, von Pressetext


    BEHERRSCHER DER GEISTER

    Schläpfer, Goecke und Jooss in Duisburg

    Mit Sensibilität und Respekt für die Erwartungen des Publikums hat Martin Schläpfer auch die Duisburger Fraktion der Deutschen Oper am Rhein für sein Ballett am Rhein gewonnen.

    Veröffentlicht am 03.02.2018, von Marieluise Jeitschko


    VON DER VERGÄNGLICHKEIT ALLEN LEBENS

    Eine Uraufführung von Adriana Hölszky und Martin Schläpfer: „Roses of Shadow“ in Düsseldorf

    Martin Schläpfer setzt auch durch seine zweite Zusammenarbeit mit der Grande Dame der zeitgenössischen Musik höchste Maßstäbe für den Bühnentanz im 21. Jahrhundert.

    Veröffentlicht am 17.12.2017, von Marieluise Jeitschko


    DIE FRAUEN EMANZIPIEREN SICH

    Applaus für das Berliner Gastspiel des Ballett am Rhein mit Martin Schläpfers „7"

    Das Zentrum bilden Mann und Frau, ihre Anziehung und Abstoßung, Dominierung und Befreiung. Faszinierend ist die Wucht, mit der Schläpfer dieses Sujet in immer neuen Tanzbildern spannend in Szene setzt.

    Veröffentlicht am 12.04.2017, von Gastbeitrag


    KLEINE TANZREISE MIT GANZ GROßEN

    Balanchine - Schläpfer - Robbins bei b.29

    Da sind drei Tanzmacher am Werk gewesen, die mit ganz unterschiedlicher choreografischer Handschrift zeigen, wie wunderbare Musik auf der Bühne ganz neu glänzen kann.

    Veröffentlicht am 29.10.2016, von Marieluise Jeitschko


    MONAT FÜR MONAT MIT KRAFT UND ELEGANZ UND FREUDE

    Eine Kalender-Hommage an Martin Schläpfers zeitgenössisches Tanzensemble

    Der Fotograf und ehemalige Tänzer Gert Weigelt zeichnet für die exquisiten Abbildungen verantwortlich, die alle von einer puristischen Eleganz durchzogen sind.

    Veröffentlicht am 23.11.2015, von Andrea Amort


    B.25 BEIM BALLETT AM RHEIN

    Ein neuer van Manen für deutsche Tanzfans!

    Die Premiere von b.25 in Düsseldorf mit Raritäten von Forsythe, Ashton und van Manen war ein Fest. Die deutsche Erstaufführung von van Manens "Two Gold Variations" bot den Höhepunkt.

    Veröffentlicht am 12.10.2015, von Marieluise Jeitschko


    BIS INS KLEINSTE DETAIL

    Der zweite Dumont-Kalender des kongenialen Teams Weigelt-Schläpfer

    Von zehn Choreografien Schläpfers, uraufgeführt zwischen 2010 und 2013, hat Gert Weigelt Ablichtungen für seinen zweiten Dumont-Kalender ausgewählt - eine stattliche Galerie von künstlerisch wie technisch perfekten Momentaufnahmen.

    Veröffentlicht am 17.11.2014, von Marieluise Jeitschko


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    AB NACH ÖSTERREICH

    Christiana Stefanou ab Herbst in Wien
    Veröffentlicht am 07.07.2020, von tanznetz.de Redaktion


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor
    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    REPERTOIRE

    TanzFaktur wagt in neuer Spielzeit einen für Köln einmaligen Schritt
    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    MATTERS FOR MATTERS

    Ein Film der Choreografischen Werkstatt der Company johannes wieland des Staatstheaters Kassel - 2 x für 24 Stunden online -

    Digitale Filmpremiere: Samstag, 4. Juli, 19.30 Uhr, YouTube-Kanal des Staatstheaters Kassel

    Veröffentlicht am 25.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    ANZEIGE ERSTATTET

    Die nächste Runde in der Causa Staatliche Ballettschule Berlin

    Veröffentlicht am 17.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    GEKÜNDIGT

    Ralf Stabel ist entlassen worden

    Veröffentlicht am 07.06.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP