Der Körper erinnert sich
Eine essayische Betrachtung zu Germaine Acogny von Hanswerner Kruse
„Sweet Mambo“ aus dem Jahr 2008 ist nicht einfach nur eine Neueinstudierung. Pina Bausch entwickelte das Stück mit einem Ensemble von sechs Frauen und drei Männern ein Jahr vor ihrem plötzlichen Tod. Es ist tatsächlich geprägt von dem Motiv, nicht vergessen zu werden: Naomi Brito beginnt mit einem anmutigen und kraftvollen Solotanz, dann nennt sie ihren Namen: „Ich heiße Naomi. N-A-O-M-I. Bitte vergessen sie mich nicht!“ Während der Aufführung stellen sich nach und alle Beteiligten vor, ohne dieses Thema überzustrapazieren. „Ich bin Nazareth Panadera“, brüllt die Tänzerin im Saal, „vergessen sie mich nicht!“ Und fügt hinzu: „Panadera heißt Bäcker im Deutschen ...“
Das Bühnenbild ist karg: Riesige weiße Textilfahnen hängen an der Rückwand und bilden die Kulisse. Oft stehen Tänzerinnen dahinter, werden von den Männern durch die Stoffbahnen ergriffen und gedreht. Ventilatoren setzen die Stoffe ständig in Bewegung. Manchmal entsteht eine weiß-transparente Riesenwolke, in der Naomi wie in einem Traum zu schwimmen scheint.
Es gibt nur wenige Szenen mit allen Beteiligten – keine typischen Pina-Diagonalen, keine Ensembletänze, wenig Gruppenbilder. Mehrfach wird Julie Shanahan aus dem Off gerufen, sie rennt quer über die Rampe. Zwei Männer halten sie auf, schleppen sie zurück (ihre Beine trampeln in der Luft), lassen sie wieder los. Die Szene wird im Laufe des Abends häufig wiederholt, bis die Tänzerin schließlich völlig verzweifelt ist. Später schläft sie auf einem Kissen, das von einem Tänzer gehalten wird, ein anderer trägt ihre Beine. Beide drehen sie horizontal und vertikal.
Collage aus Fragmenten
Mitunter küssen und beschlabbern die drei Tänzer die freigelegten Rücken von Tänzerinnen. Oder einige Frauen krabbeln mit Tiermasken über die Bühne, gelockt von einer weiblichen Gestalt. Mit skurrilen Schritten tapern die Männer umher. Nayoung Kim wippt auf dem Knie eines Tänzers; unermüdlich ruckelnd beobachtet sie durch ein Opernglas imaginäre Ereignisse und kommentiert sie – bis zum angedeuteten Orgasmus.
Wie fast alle Stücke von Pina Bausch ist auch „Sweet Mambo“ keine durchgehende Erzählung, sondern eine Collage aus unterschiedlichen Tänzen, fragmentarischen Gesprächen, Akrobatik, Slapstick-Einlagen und viel Musik, die in ständigem Wechsel die Handlung vorantreibt oder beruhigt. Ohne dass der theatralische Charakter verloren geht, erhält der Tanz seit den 2000er-Jahren im Wuppertaler Ensemble wieder mehr Raum – in dieser Arbeit mit auffällig vielen Soli.
Sie sind individuelle Erzählsplitter der Akteure. In ihren Bewegungsmonologen verbinden sich fließende Körperbilder, Spuren des Ausdruckstanzes und eine zeitgenössische Bewegungssprache. Aus den Körpern sprechen Schmerz, Befreiung, die Suche nach Liebe und die Angst, vergessen zu werden – sowie pure Tanzlust.
Das Ensemble besteht aus sechs Beteiligten der Uraufführung, die mittlerweile erheblich älter geworden sind. Viele sind über 60 Jahre alt, Panadera sogar 71. Auch wenn alle Soli tanzen oder in Gruppenbilder eingebunden sind – es ist der Abend von Julie Shanahan und Naomi Brito. Bis zur völligen Erschöpfung verausgabt sich die mittlerweile 64-jährige Shanahan in ihren Soli, begießt sich zum Schluss mit drei Eimern Wasser. Die erst 29-jährige Naomi begeistert mit einer atemberaubenden Darbietung, in der sie sich ausnehmend feminin und fantasievoll bewegt. Nach ihrem Outing in Wuppertal als Transfrau – wie sie selbst genannt werden möchte – war sie glücklich, in „Sweet Mambo“ ihre Weiblichkeit so selbstverständlich und intensiv leben zu dürfen.
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