„Fall Seven Times“ von Guy Nader und Maria Campos, Tanz: Ensemble

Zwischen Bewegungskaskaden und Kipppunkten

Wiederaufnahme von „Fall Seven Times“ von Guy Nader und Maria Campos bei tanzmainz

Wenn Fallen und Wiederaufstehen das Grundprinzip ist, bleibt Zeit zum Schweben in dem fragilen Moment, bevor die Schwerkraft wieder greift.

Mainz, 15/10/2026

Der Prolog – ein Tänzer auf einem weißen Tisch stehend und an einem der Tischbeine sägend – endet mit einem Sprung und dem Beginn des Herabfallens, als die gerade noch ebene Fläche kippt und das Licht erlischt. Als das Licht wieder angeht, wirkt es, als wäre hineingezoomt geworden: In eine Welt, die sich auf der gekippten Tischfläche abspielt.

Zehn Jahre nach der Uraufführung hat „Fall Seven Times“, eine Kreation des Choreografie-Duos Guy Nader und Maria Campos in Zusammenarbeit mit tanzmainz, keinen Hauch von Staub angesetzt. Zwar sind akrobatische Elemente und aufsehenerregendes Partnering im Zeitgenössischen Tanz heute viel selbstverständlicher. In den 45 wie kondensiert wirkenden Minuten geht es aber nie um die Virtuosität der Tricks allein. Vielmehr sind es das Miteinander, der unaufhörliche Fluss von Bewegungen in permanent wechselnden Partnering-Konstellationen und die kaskadenartigen Sequenzen zum und weg vom Boden, die das Publikum heute noch genauso in den Bann ziehen.

Komplexer werdende Versuchsanordnung

Im ersten Duett ist das Tempo noch ganz bedacht. Fast wirken die Bewegungen wie eine Versuchsanordnung: Auf jede Aktion folgt eine klar gesetzte Reaktion. Auch die Rollen sind definiert: Da gibt es die, die beständig nach vorne, zur Seite, nach hinten zu fallen scheint. Und es gibt den, der fängt. Die Musik (Miguel Marin) setzt ein, rhythmisch und zurückhaltend, wie eine Entsprechung zu den dezenten Kostümen in Creme- und Grautönen (Lucia Vonrhein). Nach und nach beginnen sich die Rollen aufzulösen. Der „Fänger“ gibt jetzt auch Impulse, beginnt aktiv zu manipulieren. Weitere Tänzer*innen kommen hinzu. Aus Aktion/Reaktion wird ein stetig an Tempo gewinnender Strom von sich überlagernden Bewegungen. Genauso wie das Anbieten und Einfordern von Halt miteinander verschmilzt, wechseln auch die Gruppierungen der zehn Tänzer*innen. Ein wiederkehrendes Motiv und ein Moment des Innehaltens im Bewegungsstrom sind kurze Gruppenbilder: Als wären alle für einen kurzen Moment in einer Zeitschleife gefangen. Die einzelnen Aktionen greifen ineinander, gehen aber nicht vorwärts, sondern werden vor und zurückgespult. Im Limbo, bis eine minimale Gewichtsverlagerung hier oder eine leichte Kippung dort eine neue, minutenlang fortlaufende Kettenreaktion auslöst.

Hypnotische Bewegungskaskaden

Von den Rollenzuschreibungen des ersten Duetts ist da längst nichts mehr zu sehen. Wer gerade fällt, wird noch im selben Moment zum menschlichen Katapult, einen Atemzug später zum Fangenden. Um direkt wieder hochzuschnellen - die Energie umzuleiten in einen Sprung - zwei Laufschritte - hier eine Hand gereicht - dort einer Schulter einen Impuls gegeben - plötzlich geworfen und in der Luft innehaltend und direkt von der nächsten Bewegungskaskade mitgezogen zu werden.

In der Klarheit und Präzision ist das Bühnengeschehen geradezu hypnotisch schön. Dabei bleibt die Mimik neutral. Selbst wenn immer öfter ein freudiges Lächeln aufblitzt, wird kein Kontext aufgestülpt, werden keine individuellen Figuren erzählt. Trotzdem nimmt man einzelne, hervorstechende Qualitäten wahr. Besonders in kurzen solistischen Szenen, die das Stück immer wieder durchbrechen. Eine betörende Weichheit beim taumelnden zu Boden gehen. Eine Durchlässigkeit bis in die feinsten Muskelfasern. Eine gewisse Bewegungslakonie. Überhaupt: hier wird auf jede unnötige Verzierung verzichtet. Das macht die Verletzlichkeit des Fallens und die mutige Stärke, dem Gegenüber das eigene Gewicht anzuvertrauen, umso greifbarer. Bevor das Stück zum maximal komplexen, beständig beschleunigenden Finale ausholt, verharrt es für ein Solo im Motiv des Kipppunkts. Immer wieder reizt die Tänzerin den haarfeinen Augenblick aus, in dem sich das Wieder-auf-die-Beine-Kommen in das nächste In-Bewegung-Fallen umkehrt. 

Bei all den Kipppunkten der Zeit – ob gesellschaftlich, politisch, technologisch, oder klimatisch – hat dieser Mut des Aushaltens etwas sehr Berührendes. Und das Bewegungsprinzip, dass Stabilität nur durch gemeinsames, vertrauensvolles In-Bewegung-Bleiben entstehen kann, zugleich etwas mitreißend Hoffnungsvolles. Als nach dem letzten, gemeinsamen Fallen auf der Bühne das gemeinschaftliche Aufspringen des Publikums für die Standing Ovations folgt: Ist das nicht Teil des Stücks?

 

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