Engagement für Gewaltlosigkeit
Das Kopenhagener Ensemble Kammerballetten gastiert in Wien mit „Stay tuned“
Es ist erstaunlich, was Hannovers Ballettchef Goyo Montero aus seinem Ensemble schon in der ersten Spielzeit herauszukitzeln vermag – einfach, indem er seinen Tänzer*innen Futter gibt. Und das ist Kraftfutter vom Feinsten: Mit Monteros „Goldberg“ fing es an, mit seinem „Schwanensee – Rotbarts Geschichte“ ging es weiter, und jetzt die dritte Premiere, die das Vorangegangene fast noch in den Schatten stellt. Die Hannoveraner Kompanie stellt hier einmal mehr ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis und wird allen Herausforderungen gerecht. Ganz egal, ob es der ohnehin schon anspruchsvolle Stil von Goyo Montero selbst ist oder der anderer Choreograf*innen. Sie können einfach alles, diese absolut famosen Tänzer*innen.
„I’m afraid to forget your smile“ der Geschwister Imre und Marne van Opstal (2022 beim Hessischen Staatsballett in Darmstadt uraufgeführt) ist ein zutiefst berührendes Requiem an das Leben, dem Teil zwei dieses Ballettabends mit „Schmetterling“ von Sol León und Paul Lightfood aus dem Jahr 2010 noch die Krone aufsetzt. Sehr unterschiedlich sind diese beiden Stücke, und doch verbindet sie ein innerer Zusammenhalt: Es geht um Werden, Sein und Vergehen, um den ewigen Kreislauf des Lebens.
Bewegendes Gedenken
Imre und Marne van Opstal loten in ihrem Stück aus, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch gestorben ist. Wie sich das anfühlt für diejenigen, die zurückbleiben, die damit fertigwerden müssen. Und es ist wohl eben diese Erfahrung, die sehr viele im Auditorium schon gemacht haben dürften, die dieses Stück so bewegend macht. Nicht nur im Gedenken, sondern auch in all den Gefühlen, die einen dabei überfallen: Wut, Verzweiflung, Kummer, Trotz, Leid. Aber auch Mut, sich dem Unausweichlichen zu stellen. Es ist die Kraft, die Erinnerung zu hegen und zu pflegen, Zuversicht, trotz allem das Leben zu lieben.
Die Geschwister van Opstal finden für all diese Gefühle und Zustände eine sehr eigene, besondere Bewegungssprache, die das alles auszudrücken vermag. Es sind Gesten der Sehnsucht, des Verlustes, der Verletzlichkeit, der Einsamkeit. Und es ist immer wieder erstaunlich, zu welchen Bewegungen ein menschlicher Körper in der Lage ist. Es sind aber auch Bilder von ikonischer Wucht, die teilweise an die Pietà Michelangelos erinnern oder an das Chaos und die Zerstörung von Picassos „Guernica“. Sie gipfeln im großen Kyrie Eleison am Schluss, wenn alle sechs mit dem Rücken zum Publikum stehen und in das Licht schauen, in die Hoffnung, die Zuversicht, das Tröstende.
Da braucht es an Ausstattung nicht mehr als zwei Lichtbänder (Bühne und Licht: Tom Visser): eins links in der Senkrechten und eins im Hintergrund in der Waagerechten, plus zwei Bänke: eine links, eine hinten, auf denen diejenigen, die gerade nicht tanzen, Platz nehmen. Dazu noch schwarz abgehängte Gassen, fertig. Es braucht auch keine besonderen Kostüme, nur hautfarbene Trikots. Alles andere besorgen die absolut fabelhaften sechs Tänzer*innen.
Die Musik ist reiner A-Capella-Gesang mit Chorwerken verschiedener Komponisten, die jedoch leider vom Band kommt. Mit einem Live-Chor gewönne das Stück noch eine Dimension mehr an Eindringlichkeit. Aus den Lautsprechern klang so manches etwas zu schrill und übersteuert.
Verschiedene Stadien des Seins
Voller Kontraste schließt sich nach der Pause „Schmetterling“ von Sol León und Paul Lightfoot an, bei dem das Staatsballett Hannover ganz andere Saiten aufziehen darf: das Humoreske, die Situationskomik, aber auch Tiefgründigkeit. Schmetterlinge durchlaufen ja, bevor sie ihre Flügel entfalten, das Stadium der Raupe und des Verpuppens. Es erscheint immer wieder wie ein Wunder, dass sich aus einem eher unscheinbaren Wurm ein schillernder Falter erhebt. León und Lightfoot brechen dieses Phänomen herunter auf etwas ganz Weltliches. Sie lassen – schon während das Publikum die Plätze einnimmt – eine etwas verrückte, bucklige Alte (grandios: Natalie Wong) in einen pantomimischen Dialog mit den Zuschauer*innen treten, während ein Mann (wunderbar: Carl van Godtsenhoven) sie von der Bühne schiebt, um dann doch mit ihr zurückzukehren. Schon dieser Beginn bringt eine Heiterkeit mit sich, die nach der Schwermut und Melancholie des vorigen Stücks wieder aufatmen lässt.
Umso mehr, als León und Lightfoot dem Stück nach und nach immer mehr Raum geben, die vorher schwarz abgehängte Hinterbühne öffnet sich mit der Zeit, wobei acht Figuren durch das Geschehen huschen, die mit schnellen, humoresken Gesten für immer wieder neue Bewegungsmuster sorgen. Mal sind es Soli, mal Pas de Deux, mal Ensembles, sodass man kaum noch hinterher kommt mit Schauen und Staunen. Es ist einziges Feuerwerk in Schwarz-Weiß, das sich zum Schluss öffnet zum großen Panorama und der Erkenntnis: Alles ist mit allem verbunden.
Die Musik-Collage aus dem Album „69 Love Songs“ von The Magnetic Fields, eine Mischung aus Paul Simon und Folk Music, sowie Stücke von Max Richter („Memoryhouse“ und „The Blue Notebooks“) passen da kongenial dazu. Es gab langanhaltenden, begeisterten Applaus. Zu Recht.
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