Ein Neuer für Hannover
Nachfolger für Marco Goecke steht fest
Wenn schon vor der Premiere sämtliche Vorstellungen ausverkauft sind, will das etwas heißen. So geschehen jetzt beim Staatsballett Hannover, das Goyo Monteros radikal neue Interpretation von Tschaikowskys „Schwanensee“ aus der Taufe hob. Es war die erste Uraufführung an Monteros neuer Wirkungsstätte, und nach „Goldberg“ bestätigte sie einmal mehr, dass die Hannoveraner ihren neuen Ballettdirektor in ihr Herz geschlossen haben.
Für den ewigen Ballettklassiker wollte sich Montero allerdings etwas ganz Neues einfallen lassen. Und mit der Frage, wie der grausame Zauberer Rotbart, der die weißen Schwäne samt Odette/Odile unter seiner Fuchtel hat, überhaupt erst böse geworden ist, betritt er tatsächlich Neuland. Es ist die Suche nach dem Ursprung des Bösen, der Herkunft der dunklen Macht, wie sie aktueller in unserer Zeit kaum sein könnte. Montero unterlegt diese Vorgeschichte des eigentlichen „Schwanensee“-Geschehens mit eben dieser Musik von Tschaikowsky, kürzt sie aber radikal ein (das Stück dauert etwas mehr als anderthalb Stunden) und verzichtet auf alle Divertissements.
König wider Willen
Ausgangspunkt seiner Version ist die Auffassung, dass wir alle heil und gut geboren werden und erst durch bestimmte Ereignisse und Erlebnisse davon abkommen. So auch Rotbart, dem Montero von Kindheit an zwei Narren an die Seite stellt. Sie kommentieren, sie schützen und entblößen, schrankenlos, angstbefreit, wie es Narren nunmal zu eigen ist. Als Junge muss Rotbart erleben, wie sein Vater, der König, die Mutter tötet. Dieses Trauma hängt ihm nach. Als der alte König stirbt, soll er dessen Nachfolge antreten, gegen seinen Willen. Er wird in eine Rolle gezwungen, die ihm nicht liegt und in der ihn das traumatische Erlebnis schließlich einholt, als er an einen See geht, um sich freizumachen von diesen Zwängen. Fast wäre er dort ertrunken, wenn er nicht von einem Schwan in Menschengestalt gerettet würde, der ihn zusammen mit den anderen Schwänen ans Ufer bringt.
Hier setzt Montero musikalisch den weißen Akt ein. Rotbart sucht inmitten der Schwäne diesen einen, der ihn gerettet hat, bis er ihn schließlich findet, sich mit ihm vereinigt und mitten in der schützenden Schwanenschar mit ihm einschläft. Montero definiert diesen weißen Schwan als androgynes Wesen, wie generell Geschlechterzuweisungen im ganzen Stück keine Rolle spielen (von König und Königin abgesehen).
Aber das Idyll wird brutal von einer Horde obskurer Gestalten gestört, die die Schwäne unter den Augen Rotbarts grausam meucheln, nur der weiße Schwan bleibt verschont. Aus dieser Erfahrung heraus wandelt dieser sich in den schwarzen Schwan, das Symbol der Rache.
Der Tribut der Gewalt
Und so wird Rotbart in Teil zwei als ein durch mehrfach erlebte Traumata krank gewordener Charakter gezeigt, der sich seine eigene grausam-phantastische Welt schafft. Ein gewalttätiger Herrscher, der mit Hilfe von vier Robotern in glitzernden Oberteilen und von innen beleuchteten ballonförmigen Plastikröckchen regiert (hier hat Montero die vier kleinen Schwäne untergebracht!), der Zwillinge brutal auseinanderreißt, der keine Gnade kennt, bis die Schlosskonstruktion einstürzt und im See versinkt, wo der schwarze Schwan als Racheengel ihm inmitten der Schwanen-Dämonen schließlich den Helm der Finsternis überstülpt. In diesem Moment erst betritt Prinz Siegfried die Szene – das Ende ist der Anfang der eigentlichen Schwanensee-Erzählung.
Choreografisch bettet Montero die Geschichte in seinen ganz eigenen Tanzstil ein, in diese bodennahe Geschmeidigkeit, die schlangenhaften Bewegungsfolgen, die raumgreifenden Arme und Beine, die ein hohes Maß an Körperbeherrschung voraussetzen. Hohe Ansprüche also an das ganze Ensemble der 27 Tänzer*innen, in dem jede und jeder solistische Qualitäten haben muss und hat. Sie folgen ihrem neuen Chef und seinen Ideen bedingungslos und tanzen sich die Seele aus dem Leib, allen voran Antoine Charbonneau als weißer und Alisa Uzunova als schwarzer Schwan. Jay Aries glänzt als Rotbart, könnte aber noch ein wenig mehr darstellerische Dramatik entwickeln.
Raffinierte Bühne und Kostüme
Curt Allen Willmer und Leticia Ganan Calvo haben für all diese Ideen ein kontrastreiches und wandlungsfähiges Bühnenbild gebaut, in dessen Mittelpunkt fünf Türme aus Gitterstäben stehen, die eine nüchterne, kalte Atmosphäre vermitteln und durch verschiedene Beleuchtung immer wieder neue Assoziationen schaffen. Für die Szenen am See hängen sie die ansonsten kahle, blau illuminierte Bühne mit raumhohen Fadenvorhängen ab, auf die Videos projiziert werden. Für den Moment, in dem Rotbart fast ertrinkt, erstellt der Videokünstler Alvaro Luna sogar ein eigens mit den beiden Hauptdarstellern in einem Schwimmbad gedrehtes Unterwasser-Video und schafft damit eine Atmosphäre, in der man tatsächlich um Rotbarts Leben bangt ...
Salvador Mateu Andújar verpasst den Tänzer*innen vorwiegend handbemalte metallisch schimmernde Trikots und schnabelförmige Masken aus dem 3-D-Drucker am Hinterkopf (!). Nur das Königspaar sowie der schwarze Schwan haben aufwendig gearbeitete (und vom Künstler höchstpersönlich genähte) Gewänder aus raffiniert plissierten Stoffen, die an traditionelle spanische Kostüme erinnern, dem Ganzen aber auch etwas Phantastisches einhauchen.
Das Niedersächsische Staatsorchester Hannover unter der Leitung von Piotr Jaworski spielt Tschaikowskys Musik mit Hingabe und enormem Tempo, aber doch auch mit etwas zu viel Tschingderassabumm, was dem Jubel des Publikums aber keinen Abbruch tat und das alle Beteiligten mit Standing Ovations feierte.
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