Konzept braucht Choreografie
Vierteiliger Abend „Kaleidoskop“ am Theater Chemnitz
Es kommt nicht oft vor, dass am Ende eines Stücks auf der Bühne jemand in Tränen ausbricht. Angesichts mancher Arbeiten könnte man sich aber fragen, warum eigentlich das nicht öfter zu beobachten ist. Warum sollte denn nur das Publikum vom Hocker gerissen sein? Filipa Amorim ist das wahrscheinlich ziemlich egal. Kaum, dass sie und Rei Okunishi zur Premiere das Sahnestückchen von Tú Hoàng zur völligen Energieentladung gebracht hatten, gab es für sie kein Halten mehr. Das nachzuvollziehen ist auch kein Kunststück.
Für „Trial“ hatte Hoàng 2020 in Hannover den 1. Preis beim Internationalen Wettbewerb für Choreografie abgeräumt. Inzwischen ist er dort sowas wie Dauergast. Kein Wunder, dass dieser Teilchenbeschleuniger, den „Trial“ darstellt, seinen internationalen Durchbruch bedeutet hat. Das Ding ist aber auch vom Allerfeinsten: Kaum ein Duett schafft es, derart raumfüllend Energien zwischen zwei Tänzerinnen zu balancieren, die hier auch noch ausgezeichnet interpretieren. Meist synchron, aber in jedem Moment trotzdem eigenständig exerzieren die beiden eine Art Versuch (daher der Titel), über Aktion und Reaktion ein Ping-Pong-Spiel energetischer Ladungen in Gang zu setzen. Knappe, präzise Bewegungen, mit feinen Einflüssen aus dem Kampfsport, der Atem schafft Struktur. Selbst dann, wenn sich die beiden nur reglos anschauen, ist der Raum zwischen ihnen aufgeladen, als gäbe es hier die Existenz von etwas Drittem.
Reaktion auf Trump
Dieses klare Konzept hat eine derartige Strahlkraft, dass man der Dramaturgin des Abends, Ira Goldbecher, nur auf die Schulter klopfen kann. Denn die Uraufführung von Ihsan Rustems „But in a few miles we will be there“ hätte im Anschluss ungerechterweise echt blass ausgesehen. Dass sie den Anfang des Abends macht, ist der perfekte Einstieg. Rustem, ebenfalls in Hannover preisgekrönt, 2011 mit dem Publikumspreis, geht die Sache ruhiger an und holt eine stolze Kraft aus dem Inneren der Tänzer*innen.
In der Einführung war zu erfahren, dass das Stück eine Reaktion auf die Auswirkungen bereits der ersten Amtszeit Trumps ist. Der Arbeitstitel war „Pride“, Stolz, den man immer wieder erkennen kann. Dazu holt sich Rustem die weichen, vom Kopf aus durch den gesamten Körper rollenden Wellen, die die Batsheva-Schule so unverkennbar gemacht hat. Diese Wellen sind wie ein Schwung, über den sich ein Prozess der Selbstbehauptung entwickelt. Das mäandert zwischen meditativen Szenen mit geradezu sakralem Beigeschmack und entschlossener Stärke in der breiten Phalanx des Ensembles. Rustem setzt dafür klare Kontraste zwischen den Szenen, die er mit den einzelnen Songs begrenzt. Da ist sowas wie Texas-Blues genauso dabei wie elegische Sehnsuchts-Klänge.
Schwerstarbeit für die Tänzer*innen
Das alles wäre schon mit ziemlich bestätigendem Nicken zu belegen, wüsste man nicht, dass auch noch Andonis Foniadakis auf dem Zettel steht. Und für den sollte man in der Pause noch mal ordentlich frische Luft schnappen. Wer seine Arbeiten kennt, weiß, dass für die Tänzer*innen Schwerstarbeit vorprogrammiert ist, die das Publikum regelmäßig im Föhn stehen lässt.
Aber dass Foniadakis mit seiner Uraufführung „Latched“ die Bude derart abfackeln würde, haben selbst die Experten nicht kommen sehen. Der Peitschenschwinger der Hochgeschwindigkeit klemmt sich hier die Goth-Rock-Bässe der englischen Band „Bauhaus“ unter den Arm und nutzt sie für eine Inszenierung bitterster Kälte. In stahlblauen Bodies rasen alle mit offenen Haaren über die Bühne, was (angesichts der Musik) die beste Gelegenheit zum Headbanging ist.
In einem von innen heraus leuchtenden Rahmen, der wie eine digitale Projektion wirkt, eröffnet Foniadakis einen emotionslos-technischen Reigen, dass man sich erst mal fragt, ob das Braunschweiger Ensemble denn seinen Ansatz nicht zu interpretieren versteht. Schon der Vorhang fährt wie ein technisches Geräusch verursachend hoch. Da rudern Arme wie Windräder; Sprünge wirken fast schon wütend. Akustisch versucht ein Tonband immer wieder erfolglos, anzulaufen. Das ist alles eine eckige, kantige Herausstellung des Technischen. Eben auch in den Bewegungen. Die identischen Kostüme verbieten Individualität. So kennt man Foniadakis echt nicht.
Bis schließlich eine Armada aus neun riesigen Ventilatoren von der Decke gelassen wird. Ab da verwandelt die Dramaturgie ohne jeglichen Bruch den Ausdruck, dass man sich die Augen reibt und denkt: „Na bitte!“. Das Ausdruckslose war also gar kein Zufall. Alle wirken mit einem Mal spürbar lebendig und da ist er schließlich, der Ausdruck, das Emotionale, die Interpretation. Im flirrenden Licht der sich drehenden Ventilatoren hauen „Bauhaus“ dem Publikum die Bässe um die Ohren, alle schalten noch einen Gang hoch, bis exakt auf den letzten Takt schlagartig das Licht ausgeht. Die Manufaktur für Herzrasen schließt für heute, und das Publikum haut es aus den Sitzen. Berauscht torkelt man in die Nacht und fragt sich, was zum Geier Foniadakis wohl mit dem Titel sagen will.
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