„Tracks“ der Jugendkompanie tanzhaus nrw 

Der Wunsch nach Sichtbarkeit

„Tracks“ der Jugendkompanie tanzhaus nrw in Düsseldorf

Die Überforderung einer Generation zwischen Perfektionsdruck und digitalem Dauerrauschen. Endstation Sehnsucht? Von wegen!

Düsseldorf, 11/05/2026

Von Maren Nöding

Ein Bahnhof zur Stoßzeit. Unverständliche Durchsagen, permanentes Rauschen und das Gefühl, dass der Zug gleich abfährt. Aber an welchem der „Tracks“ muss man stehen, um mitgenommen zu werden? Und wo ist Endstation? 

Die Jugendkompanie im tanzhaus nrw bringt den Struggle einer Generation auf die Bühne, die zwischen Dauerstress und Perfektionswahn ihren eigenen Takt sucht. Der Abend ist ein Rhythmus-Trip: schnell, langsam, langsam, schnell. Der Druck wird dabei akustisch greifbar: Gehetzte Zuggeräusche der Tänzer*innen und eine Musik, die sich wie in einem Horrorfilm kurz vor dem Knall anspannt, untermalen die Beklemmung. Man sieht die Verwirrung, das suchende Umschauen und das blinde, fast mechanische Folgen und Nachahmen der Masse. 

Oft hängen kleine Gruppen in Loops fest – starr und linear wie ein unerbittliches Uhrwerk. Doch gerade wenn man denkt, das System gewinnt, bricht etwas auf: Die harten Linien werden weich. Wellenartige Bewegungen fließen durch die Hände bis in die Fingerspitzen und verlagern sich in raue Bodenarbeit – ein intensiver Kampf mit der Schwerkraft und dem Alltag. 

Isolation und Support 

In diesen Momenten spürt man die geballte Kraft der Darsteller*innen: Die Tänzer*innen zwischen 12 und 18 Jahren sind Teil eines professionellen Aufbauprojekts zur Talentförderung im tanzhaus. In den wöchentlichen Trainings leiten Nora Pfahl und Takao Baba die heterogene Gruppe an und begleiten die jungen Talente dabei, jährlich neue Produktionen für die große Bühne zu entwickeln. Dabei verschmelzen die zeitgenössischen und urbanen Stile zu etwas völlig Eigenem. Dass Einige, nicht zuletzt aufgrund der großen Altersspanne, technisch herausstechen, sorgt für eine spannende Reibung. Da ist er wieder, der Wunsch nach Sichtbarkeit – wie im echtem Leben der Jugendlichen.

Auch leise Momente gibt es in „Tracks“: Eine Person sondert sich ab, macht ihr eigenes Ding, während die anderen nur dastehen und sie anstarren wie ein Exponat. Bis im nächsten Moment die fiese Stimmung kippt, und aus der Isolation echter Rückhalt und Support durch die Gruppe wird.

Die Bahnhofs-Metapher als Anker macht das Thema gerade für Kinder und Jugendliche greifbar. Angefangen von den hallenden Durchsagen im Foyer durchzieht dieses Bild den ganzen Abend, akustisch, bildlich, choreografisch. Der Zug steht dann oft für Gleichschaltung, auf Linie gehen. Weil im Teenager-Leben aber wenig so einfach ist und „Tracks“ das immer wieder einfängt, dürfte das Stück dieses Leitbild gern etwas mutiger hinter sich lassen. Das stärkste tänzerische Line-up entsteht ohnehin am Ende, wenn die Podeste zu einem Laufsteg umgebaut werden.

Türöffner Tanz

Das ist der Moment der Wahrheit und der Selbstdarstellung: Während die anderen links und rechts am Laufsteg stehen, erobert jede*r den Steg einmal für sich allein. In einer social media-gesättigten Welt, in der eigentlich jede Pose perfekt sitzen muss, sehen wir plötzlich etwas anderes: individuelle Moves, die für sich selbst stehen (dürfen). Jede und jeder behauptet den eigenen Platz, bevor sich die Tänzer*innen nacheinander unters Publikum mischen und die Bühne leer ist. Tanz, das zeigt der Abend, kann ein perfekter Türöffner sein, um Themen, die Jugendliche heute bewegen, ohne viele Worte auf den Punkt zu bringen. 

 

 

Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW

Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW“, einer Kooperation von tanznetz mit dem Masterstudiengang Tanzwissenschaft des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz (ZZT) an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und dem nrw landesbuero tanz.

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