Flickenteppich im Raum
„A Suite of Dances – A Day in the Studio“ des Dance On Ensembles bei der Tanzwerkstatt Europa
„Partitur des Körpers“ von Katja Erfurth im Festspielhaus Hellerau
Es scheint ein Match made in heaven zu sein: Beide Choreografinnen und Tänzerinnen haben eine Verbindung zum choreografischen Ansatz Gret Paluccas. Die israelische Künstlerin Noa Eshkol (1914-2007) hatte bei Tehila Ressler studiert, die ihrerseits eine Schülerin Paluccas war. Und Katja Erfurth arbeitet seit ihrem Abschluss an der Palucca Hochschule für Tanz Dresden in langer Tradition im Bereich des Ausdruckstanzes. Auch formell scheinen auf der Bühne des Festspielhauses Hellerau die Formen des Ausdrucks zu verschmelzen. Katja Erfurth macht in der weiten Leere des offenen Raums das, wofür sie bekannt ist. An ihrer Seite wie fast immer Florian Mayer samt Violine.
Was in „Partitur des Körpers“ Eshkols Einflüsse sind, der Erfurth diese Arbeit gewidmet hat, kann man erraten. Wenn Mayer den Bogen erst gar nicht ansetzt, sondern stattdessen mit lautmalerischem Klicken eines Metronoms beginnt, ist Eshkol aber in jedem Fall sofort da. Sie war unter anderem für die Entwicklung einer analytisch-geometrischen Bewegungsschrift bekannt. Und genau das will einem im Verlauf des Abends nicht mehr aus dem Kopf gehen, so geradlinig akzentuiert agiert Erfurth auf der schattenlos ausgeleuchteten Bühne. Kein Bühnenbild, keine Spielereien mit dem Licht. Noch nicht.
Minimalismus mit Leerstellen
Das Wort minimalistisch lässt sich kaum vermeiden. In bodenlangem schwarzem Kleid, ärmellos, mit starkem Kontrast der bloßen Arme wirkt die Tänzerin wie eine Ausführende von Notationen. Fast stellt sich die Henne-Ei-Frage. Können sich Notation und Bewegung gegenseitig beeinflussen? Was passiert, wenn man die Bewegungen selbst analytisch-geometrisch liest?
Eshkol hat auch viel ohne Musik gearbeitet. Katja Erfurth tut es ihr gleich und lässt viele Leerstellen, die aber lauter klingen. Das ist kein Abend, den man so im Vorbeigehen mitnimmt. Fokussierte Analyse scheint so dominierend über allem zu liegen, dass es keinen Moment wirklicher Leichtigkeit gibt. Die Bodenhaftung der nackten Füße ist auffällig.
Die Geometrie fächert Erfurth sichtbar in einem zweiten Teil auf, in dem sie Bewegungen verdreifacht. Mit Helena Fernandino, Amit Abend und Seraphine Detscher hat sie sich drei Tänzerinnen jüngerer Generationen dazugeholt, die sie aber nicht neben sich stellt. Erfurth bereitet nur das Feld für sie vor, mit einem weißen Hemd, durch dessen Ärmel ein langer Stock geführt ist. Eine Linie im Raum. Alles bleibt geometrische Zeichnung. Mit genau solchen weißen Hemden treten die drei jüngeren Tänzerinnen auf, tragen sie aber nicht am Körper, sondern als Konstrukte vor sich her. Auch ihre Hosenkleider sind schwarz. Nichts lenkt ab. Zu dritt erweitern sie die Dimension, die Katja Erfurth zuvor allein in den Raum skizziert hatte. Und jetzt: fensterähnliche Lichtmuster auf dem Boden, aber ohne Funktion einer Begrenzung für die Bewegungen. Aus der zwingenden Synchronizität bewegt sich eine immer wieder heraus, kurze Momente von Freiheit kostend, aber eben nur kurz. Das Reglement behält seine Gültigkeit.
Die gefühlte Schwere dieses Ansatzes kontrastiert ein dritter Teil, in dem ein riesiges Gebilde aus federleichtem weißem Schleier (Objekt und Animation: Sabine Köhler) an roten Schnüren mit Eigenleben versehen wird. Ein sanftes, scheinbar freies Schweben im Raum, mit dem Katja Erfurth schließlich interagiert. Dieser Kontrast von Leicht und Schwer, Schwarz und Weiß löst sich schlussendlich auf, wenn die Tänzerin in dem Schleier verschwindet, der so viel größer als sie selbst ist.
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