Konstanz in Düsseldorf
Ingrida Gerbutavičiūtė bleibt bis 2030 am tanzhaus nrw
Von Mareike Lyssy
Wem die Nullen und Einsen im Titel noch nicht Hinweis genug waren, der bekommt spätestens dann eine Idee vom Leitthema des Abends, als sich zwei Performer*innen ihren Weg auf die Bühne bahnen, deren Gesichter von klobigen VR-Brillen verdeckt sind. Die Augen darunter, die es braucht, um ein menschliches Gesicht ausmachen zu können, sind nicht zu erkennen. Ebenso unerkenntlich die Realität, die die beiden in diesem Moment erleben und von der man ausgeschlossen bleibt. Dieses Gefühl einer unüberwindlichen Distanz wird sich durch den ganzen Abend ziehen.
Resonierende Teilchen
Die Fabien Prioville Dance Company beschäftigt sich nicht erst seit „Ones upon Zeros“ mit den Schnittstellen von physischer und virtueller Realität. Bereits „Dancing Audience“ (2023) und „Digiland“ (2024) fragten danach, wie hybride Räume zwischen digitalen Technologien und körperlich Erfahrbarem gestaltet werden können.
„Nach den Theorien der Quantenmechanik verbleiben Teilchen in einem undefinierten Zustand, bis sie beobachtet werden. Erst dann nehmen sie einen bestimmten Zustand an, und jedes andere mit ihnen verschränkte Teilchen spiegelt augenblicklich denselben Zustand wider – unabhängig von der Entfernung zwischen ihnen. [...] Ich habe nach etwas Tieferem als dem Offensichtlichen gesucht, um diese wissenschaftlichen Konzepte in eine künstlerische Sprache zu übersetzen, die mit dem Publikum in Resonanz tritt“, erklärt Prioville das Forschungsinteresse seiner aktuellen Arbeit. Dass die Resonanz zwischen Performance und Publikum wiederum eigenen physikalischen und metaphysischen Regeln unterliegt, scheint bei allem Forschergeist etwas vergessen worden zu sein.
Mechanische Reaktion
An den vier Tänzer*innen liegt das nicht. Es ist ein Genuss, Tommaso Bertasi, Kino Luque, Marta Maestrelli und Yeva Silenko dabei zuzusehen, wie ihre Körper auf der Suche nach Zuständen konstanter Veränderung sind. Am ehesten erinnern ihre Bewegungen an den urban Style des Popping, bei dem der angespannte Körper einzelne Körperteile aus der Anspannung entlässt, um direkt die nächste Bewegungssequenz einzurasten. In sich verändernden Formationen reagieren die Performer*innen aufeinander, spiegeln sich wie eben jene verschränkten Teilchen. Was dabei auffällt: Die Bewegungen bleiben mechanische Reaktion. Kein Miteinander. Die Gesichter sind ausdruckslos. Der Geist abwesend, möchte man beinahe hinzufügen.
Einer der seltenen Momente sichtbarer Gefühlsregungen in der Mimik zweier Tänzer*innen sind voyeuristisch wirkende Live-Aufnahmen, gefilmt durch die VR-Brillen der anderen beiden. Den Großteil des Abends ist man jedoch gezwungen, die Distanz zwischen den Performenden und auch die eigene Distanz zu dem, was auf der Bühne passiert, auszuhalten. Nur die Klanglandschaften mit ihren aufwallenden Bässen weisen darauf hin, dass diese Distanz auch mal zur Belastung wird, obwohl sie größtenteils schlicht die vorherrschende Realität ist.
Dass ein Aufhalten in virtuellen Räumen den zwischenmenschlichen Kontakt im „echten Leben“ beeinflusst und sogar einschränkt, ist die wohl älteste Sorge, die Konzepte wie Virtual, Mixed oder Augmented Reality begleitet. „Ones upon Zeros“ versucht zwar darüber hinaus die Frage zu stellen, wie wir Realität im Jetzt und Hier definieren und erfahren, bleibt aber letztlich trotzdem bei dieser Sorge hängen bzw. lässt die Zuschauenden mit dieser Sorge allein.
Wenn Beobachtung Auslöser für den Wechsel von Zuständen sein kann, wieso dann nicht stärker das Beobachten des Publikums miteinbeziehen und damit spielen, wie Wahrnehmung Realität schafft? Stattdessen bleibt ein Gefühl zurück, eher oberflächlich Zeugin und nicht Teil eines solchen Experiments gewesen zu sein.

Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Bewegungsmelder – Nachwuchswerkstatt für Tanzjournalismus aus NRW“, einer Kooperation von tanznetz mit dem Masterstudiengang Tanzwissenschaft des Zentrums für Zeitgenössischen Tanz (ZZT) an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und dem nrw landesbuero tanz.
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