„Across context“
Start des International DANCE Festival 2025 in München
Schneller, weiter, höher – bis jede Bewegung vor Entkräftung außer Kontrolle gerät und Wasser durch die Decke bricht. Verrückt scheint für Miet Warlop längst noch nicht verrückt genug zu sein. Lange wurden die Stücke der Belgierin als Geheimtipp gehandelt. Dieses Jahr gestaltet die Performance- wie Bildende Künstlerin gemeinsam mit Kuratorin Caroline Dumalin den belgischen Pavillon auf der Biennale von Venedig. Den internationalen Durchbruch bescherte Miet Warlop eine irre, 2022 beim Festival d’Avignon uraufgeführte Produktion, die nun als Gastspiel in der Münchner Muffathalle zu erleben war: „One Song“.
In einer kurzen frühen Performance – damals gerade fertig mit ihrem Studium an der Kunsthochschule in Gent – versuchte Warlop den Tod ihres Bruders zu verarbeiten. Ihr Schmerz und ihre Trauer wurden Text. Später erweiterte sie das ursprünglich als Requiem gedachte Powerwerk zu dem existenzialistisch-abgefahrenen Abendfüller, der „One Song“ heute ist. Zwei Komponenten tragen dabei maßgeblich zur Überwältigung des Publikums bei: das skurrile Bühnenset einer Sportarena mit hölzerner Zuschauertribüne und geradezu olympischem Sportgeräte-Parcours sowie die bunte Mischung an dazwischen platzierten beziehungsweise versteckten Musikinstrumenten.
Sport und Konzert werden so für einen einmalig-absurden physischen Kraftakt voller Überraschungsmomente unter einem Theaterdach zusammengespannt – ergänzt noch um tänzerische Einsprengsel eines Cheerleaders im kurzen Röckchen mit weißen Pompons, der sich hingebungsvoll sogar zu ballettösen Sprüngen, Drehungen und klassischen Port de bras hinreißen lässt. Ein erster humorvoller Hingucker zu Beginn von „One Song“ ist, wie Milan Schudel stocksteif in einer geschniegelten Gardeuniform mit hohem Federbusch antritt (Kostüme: Carol Piron & Filles à Papa). Einen dritten schwarzen Pompon funktioniert er ab und an dramatisch zur Perücke für üblere Momente um.
Von diesen gibt es im Verlauf der 70-minütigen Show zunehmend mehr, streckenweise untermalt von Sirenengeheul. Immerhin dreht sich im Kern des perfekt durchgetakteten Wettkampf-Szenarios alles fast nur darum, am Ende jeden der zwölf Mitwirkenden an den Rand totaler Erschöpfung zu bringen. Und Warlop hat bei der Kreation ihres Fankurven-Ambientes wirklich an alles gedacht – angefangen bei einer großen im maschinellen Wind wehenden fiktiven Fahne. Etwas weiter rechts davon auf der obersten Stufe sitzt eine in einen orangefarbenen Overall gekleidete Frau mit einem dritten künstlichen Bein neben sich. Karin Tanghe, fabelhaft in der Rolle der Stadionsprecherin und Zeremonienmeisterin, presst ihre Lippen an ein quadratisches Mikrofon und legt mit dem herrlichen Nuscheln eines stimmungsschürenden Sportkommentators los.
Konditionskiller-Marathon
Bald gesellt sich eine Vierergruppe zu ihr: mitfiebernde, lautstark buhende, frenetisch jubelnde und dauerwippende Zuschauer mit Fanschals, scharfem Verfolgerblick und schwenkenden Armen, durch deren Körper der sich stetig an Tempo und Intensität steigernde Rhythmus dieser Performance nicht minder pulsiert. Kaum hat man sich eingegrooved, traben schon fünf weitere Interpreten auf die Bühne. Es sind die musikaffinen Mannschaftskandidaten des folgenden Konditionskiller-Marathons. Im gemächlichen Warm-up starten sie langsam durch. Hin- und Hergelaufen wird auf wenigen Metern Strecke dann allerdings nur kurz.
Nacheinander preschen die einzeln vorgestellten Teilnehmer zu ihren Geräten oder Instrumenten, unterbrochen von einem Lachanfall Karin Tanghes. Noch schnell Turnkreide an Hände und Füße und los. Die stoisch anmutende Elisabeth Klinck erklimmt mit ihrer Violine in der Hand mittels helfender Räuberleiter einen Schwebebalken. Gespielt wird anschließend im Balancieren und wiederholt mit zur Seite angehobenem Bein. Den Takt dazu schlägt erbarmungslos das zuvor sorgsam entriegelte Metronom.
Diesem folgt auch Simon Beeckaert musikalisch, sobald er mit gepolstertem Helm unter seinem Kontrabass zum Liegen kommt. Ständige Sit-ups sind danach sein Ding. Als nächstes hechtet Willem Lenaerts an die frei im Raum aufgestellte Sprossenwand. Ein davor liegendes Sprungbrett ermöglicht es ihm, auf dem über Kopfhöhe hängenden Keyboard Touch für Touch und Hüpfer für Hüpfer gebrochene Akkorde zu spielen. Das schweißtreibende Sprinten von Schlagzeug zu Schlagzeug und donnernde Crescendi an den Trommeln übernimmt Tim Caramin. Wäre da noch das Laufband: Es ist für Wietse Tanghe reserviert, den ausdauernden Leadsänger dieses Extremsport-Konzerts. Fortan läuft Wietse nonstop bis zum Schluss, während er in Dauerschleife den einen einzigen Liedtext singt: „Renne um dein Leben bis du stirbst, bis ich sterbe, bis wir alle sterben ...“.
Irgendwann mittendrin fliegen ihm aus dem Nichts Tischtennisbälle um die Ohren. Im Hintergrund sortiert Milan Schudel Gipstafeln mit kryptischen Worten auf Gestellen. „If“, „Up“, „Do“, „Why“ konkurrieren mit „Will“, „Ok“, „Be“ oder „Never“. Wasser tropft von der Decke. Es wird gewischt und sofort wieder tapfer weitergemacht. Trotzdem: Niemand denkt ans Aufgeben. Im Gegenteil. Schwächelt jemand, springt ein anderer für ihn ein. Solange, bis wirklich keiner mehr bei Puste ist und die Ohnmacht alle umfallen lässt. Alle? Nicht doch! Wortlos baff erstaunt blickt die Frau in Orange von der Tribüne. Huster, Jubelschrei. Dann der Befehl: „Allez, debut!“ Widerstand zwecklos. Am Gipfel der Ermattung endet „One Song“ – Hand aufs Herz, inbrünstig und unisono – mit nochmaligem Gesang. Medaillen werden zwar keine vergeben, stattdessen hört sich die frei erfundene Hymne aber nach Erlösung und Leben an. Alle Achtung für ein solches Maß an konstruktivem Wahnsinn!
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