„Nurejew“ von Kirill Serebrennikow am Staatsballett Berlin: Yana Salenko und David Soares

Die Opulenz braucht's

„Nurejew“ von Kirill Serebrennikow und Yuri Possokhov am Staatsballett Berlin

Yuri Possokhov, Kirill Serebrennikov und Ilya Demutsky haben ein monumentales Gesamtkunstwerk geschaffen, das die facettenreiche, opulente Persönlichkeit Nurejews vielseitig spiegelt.

Berlin, 22/03/2026

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. So überwältigt beglückt geht man nach der Premiere von „Nurejew“ nach Hause. Choreograf Yuri Possokhov hat gemeinsam mit dem Regisseur Kirill Serebrennikov wahrlich ein Gesamtkunstwerk mit überwältigenden Bildern geschaffen. Unterstützt wird das Erlebnis durch die eigens komponierte Musik von Ilya Demutsky, der immer wieder auch bekannte Melodien unter anderem aus „Schwanensee“, „Dornröschen“, „Don Quixote“ aber auch „La Bayadère“ gekonnt zitiert und miteinander verwebt. 

Dass man die aufregende Biografie Rudolf Nurejews nicht in etwas mehr als zwei Stunden Spielzeit auf die Bühne bringen kann, ist klar. Das wollten die drei Herren aber auch gar nicht. Vielmehr ging es ihnen um wichtige Stationen in Nurejews Leben, die das zeigen sollen, was den Menschen, Tänzer und Choreografen ausgemacht hat. Entstanden ist so eine monumentale Inszenierung mit 141 Darsteller*innen (darunter unter anderem ein Harfenist sowie eine Cembalistin, die auf der Bühne spielen, sowie Gesangssolist*innen und sehr tänzerische Statist*innen), die das Publikum erleben lässt, was Nurejew ausgemacht hat. Geschickt werden Verwandlungen auf der offenen Bühne vorgenommen, teilweise unbemerkt, weil so viel gleichzeitig passiert.

Lebenslust und Provokation

Es beginnt mit einer Auktion von Kunstgegenständen, Kostümen, Fotografien und Briefen aus dem Nachlass von Rudolf Nurejew. Das Haus Christie´s hat 1995 eine Versteigerung in London und New York durchgeführt, wie man im überaus informativen Programmheft, für das unter anderem auch tanznetz-Autorin Andrea Amort einen Beitrag verfasst hat, nachlesen kann. Als Auktionator tritt der Schauspieler Odin Lund Biron auf, der in weiterer Folge auch als Erzähler durch den Abend führt. Bereits bei der ersten Szene weiß man nicht, worauf man sich konzentrieren soll, denn so viel kleine Dinge passieren gleichzeitig. 

Rasch ist man an der Waganowa-Ballettakademie, an der man Nurejews außergewöhnliches Talent aber auch Temperament erkennt. Von dort geht es weiter zum Gastspiel in Paris und seinem „Sprung in die Freiheit“. Ein Pariser Nachtklub inklusive Jazztrio auf der Bühne zeigt Nurejews Lebenslust. Dann der erste zu Herzen gehende Moment dieses Abends: Biron liest Erinnerungen an Nurejew von Charles Jude und Laurent Hilaire, dazu ein berührendes ausdruckstarkes Solo von Anthony Tette. Natürlich dürfen dann die beeindruckenden (Akt-)Fotografien von Richard Avedon (ebenso gespielt von Biron) und Nurejews teils provokante Auftritte in der High Society nicht fehlen. Der 1. Akt endet in einer sehr intim gehaltenen Szene mit Erik Bruhn (Martin ten Kortenaar).

Erinnerungen

Der 2. Akt beginnt mit tänzerischen Erfolgen Nurejews und seiner Partnerschaft mit Margot Fonteyn (Iana Salenko). Immer wieder passt Yuri Possokhov seine tänzerische Sprache an die Szenen an, wobei dem Bewegungsvokabular das (Neo-)klassische Ballett zugrunde liegt. Geschickt zitiert er auch aus bekannten Werken, so liegt Salenko am Ende ganz kurz auf der bekannten Chaiselongue aus Frederik Asthons eigens für die beiden geschaffenen Kurzballett „Marguerite und Armand“. 

In der nächsten Szene Erinnerungen von Alla Ossipenko, Nurejews Partnerin in seinen frühen Jahren, die sich entschieden hatte, in Russland zu bleiben, und Natalia Makarova. Polina Semionova tanzt mit großer Zurückhaltung aber beeindruckender Präsenz ein berührendes Solo, das sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern den Text unterstreicht. Der Rollenname „Diva“ steht hier für zwei große Künstlerinnen und hat nichts mit Exaltiertheit zu tun. Dann noch einmal große Opulenz in der Szene „Le Roi Soleil“ mit unzähligen Tänzer*innen, Statist*innen, dem Vocalconsort Berlin sowie einem Gesangssolisten. 

Doch die Stimmung schlägt um, man sieht den bereits von der Krankheit gezeichneten Nurejew als Pierrot, bevor als Schlussszene eine große Referenz an den Schattenakt aus „La Bayadére“ folgt, Nurejews letzte Choreografie für das Ballett der Pariser Oper kurz vor seinem Tod. Possokhov lässt hier 15 Tänzerinnen und 15 Tänzer in der bekannten arabesque-penchée-Schrittkombination auftreten und zitiert in der gesamten Szene immer wieder aus der Choreografie. Langsam geht Nurejew im Frack mit Turban über die Bühne in den Orchestergraben. Der Vorhang fällt, nur noch ein einzelner Scheinwerfer beleuchtet den noch immer dirigierenden Nurejew. Ein anrührendes Bild dafür, dass Nurejews Erbe weiterleben wird. 

Hommage

Natürlich kommt niemand an Nurejew heran, sonst wäre er ja nicht der unvergessene Jahrhunderttänzer. Aber David Soares beeindruckt sowohl tänzerisch als auch schauspielerisch in den unterschiedlichen Szenen und Stimmungen. Anfangs etwas schüchterner aber doch von sich selbst überzeugter Schüler, wird er der große Star. Unterhaltsam die Nacktszene mit Richard Avedon und der High Society. Aber dann auch exaltiert und cholerisch, bevor er am Ende von Krankheit gezeichnet langsam über die Bühne schreitet. Das Gesamtkunstwerk „Nurejew“ ist eine opulente Hommage an den Tänzer, Choreografen und Menschen geworden. 2017 beim Bolschoi-Ballett uraufgeführt, wurde es 2022 aufgrund der in Russland verschärften Anti-LGBTQ-Gesetze vom Spielplan genommen. Zum zweiten Mal wird so versucht, Nurejew in der russischen Wahrnehmung zu tilgen. Politische Aussagen werden im Stück weder zu der damaligen noch der heutigen Situation in Russland getätigt. Es dreht sich alles nur um die Persönlichkeit Nurejew. 

Dass Christian Spuck diese Arbeit ans Staatsballett geholt hat, ist ein grandiose Leistung. Zu Recht lange anhaltender Applaus und Standing Ovation!

Arte TV sendet die Aufzeichnung am 11. April 2026 um 22.35 Uhr im linearen TV. Danach ist sie in der Mediathek verfügbar.

Kommentare

Noch keine Beiträge

Ähnliche Artikel

basierend auf den Schlüsselwörtern