Es war die Premiere des Jahres, und sie wurde von der Kritik - auch bei tanznetz - überwiegend bejubelt. Man bezog sich dabei vor allem auf den Regisseur Serebrennikow, der bei der skandalumwitterten Moskau-Premiere des Stücks vor neun Jahren Russland-Dissidenz und Homosexualität offen auf der Bühne dargestellt hat, nicht nur dafür im Knast saß und jetzt die Ovationen des Publikums entgegennehmen durfte. Die Frage ist nur: Wird dieses Werk tatsächlich der Persönlichkeit Rudolf Nurejew gerecht? Spiegelt es die Faszination, die dieser Jahrhunderttänzer auf der Bühne auszustrahlen vermochte? Ich empfinde nachgerade eine Verpflichtung, dem allgemeinen Jubel zu widersprechen, wird doch Rudolf Nurejew selbst im Besetzungszettel zitiert: „Kunst braucht Widerspruch, um sich vorwärtszuentwickeln.“
Fünf Punkte scheinen mir hier entscheidend:
- Die Choreografie von Yuri Possokhov. Sie ist vor allem im ersten Akt sehr chaotisch und ähnelt auf der viel zu vollen Bühne, für die Serebrennikov ebenso verantwortlich zeichnet wie für das Libretto und die gesamte Inszenierung, eher einem Wimmelbild als einem strukturierten Prozess. Noch dazu ist sie ausgesprochen redundant in ihrer Bewegungssprache. Die Raffinesse, die den Waganowa-Stil ausmacht, der Nurejew maßgeblich geprägt hat, wird in den Schulszenen z.B. kaum erkennbar. Auch passt die Choreografie oft nicht zur Musik (die auch ansonsten wenig differenziert komponiert ist), vor allem bei den Stellen, in denen das Orchester in die Vollen geht, was auf der Bühne aber keine Entsprechung findet. Das meiste ist – auch in seiner konventionellen biografischen Narration – von fast provinzieller Belanglosigkeit, vor allem im 2. Akt die Szene mit den Drag-Queens, die man gerade in Berlin an jeder Straßenecke phantasievoller und selbstverständlicher finden kann. Das mag in Russland zünden, aber nicht hierzulande, wo die LGBTQ-Gemeinde schon längst zum Alltag gehört.
- Die Szene mit Erik Bruhn. Erik und Rudolf waren zu einer Zeit, als Homosexualität noch strafbar und tabu war, ein Paar. Sie liebten und sie hassten sich, sie lebten miteinander und trennten sich. Sie waren einander die Lebensmenschen. Diese innig-erotische und gleichermaßen dramatische Beziehung spiegelt dieser Pas de Deux kaum. Von Erotik keine Spur. Da knistert nichts, auch nicht das geringste Fünkchen.
- Die unzureichende Würdigung Margot Fonteyns. Serebrennikov und Possokhov zeichnen sie als fast zu vernachlässigende Randfigur mit einem mageren Solo, das Iana Salenko wunderbar mit Seele zu erfüllen versteht. Margot Fonteyn war jedoch eine zentrale Inspiration und Muse für Nurejew, wenn nicht noch mehr. Auch Natalia Makarova wird nur in einem kurzen Solo gewürdigt, das Polina Semionova glücklicherweise mit der ihr eigenen Präsenz gestaltet, wodurch es zum Herzstück des Abends wird.
- Der Hauptdarsteller. David Soares ist sicher ein guter Tänzer, aber er ist kein Nurejew. Weder in Bezug auf seine Sprungkraft, noch bei den Drehungen oder in seiner äußeren Gestalt. Nurejew war sehr viel muskulöser als der feingliedrige, schmale Soares. Er war ein wilder Tatar, darauf war er zeitlebens stolz. Er hatte einen fast animalischen, draufgängerischen Sexappeal und war doch künstlerisch feinfühlig und von erotischer Finesse. Aber er war auch erbarmungslos perfektionistisch, brutal und rücksichtslos in seiner Egozentrik und in seinem Narzissmus. Soares zeigt diese Gegensätze in keiner Weise. Er ist fast schamhaft zurückhaltend. Das war Rudolf nie! Er hatte eine absolut zwingende Präsenz auf der Bühne und im Leben. Er beherrschte die Szenerie, kaum, dass er den ersten Schritt aus der Gasse gemacht hatte. Vielleicht muss man das noch erlebt haben, um diesen gravierenden zentralen Mangel des Abends zu erkennen?
- Die Szene mit Richard Avedon. Wer sich auch nur ansatzweise mit dem legendären Fotografen beschäftigt hat und weiß, wie er arbeitete, den schmerzt diese Szene besonders. Serebrennikow zwingt den (ansonsten mehrsprachig hervorragend agierenden) Conférencier des Abends Odin Lund Biron dazu, Avedon als ordinären, zwanghaften Typen zu geben, was seiner Intellektualität und vor allem seiner Sensibilität Hohn spottet. Wie vulgär ist es, ihm an dieser Stelle in den Mund zu legen: „I am Richard Avedon, they call me Dick …“ – eine Anspielung auf das amerikanische Wort für Penis? Nurejew hätte sich ihm niemals geöffnet und nackt gezeigt, wenn Avedon ein solch geschmackloser Rüpel gewesen wäre. So wird aus einer höchst intimen Begegnung ein voyeuristisches, peinliches Tam-Tam.
Alles in allem wird dieser Abend der Persönlichkeit Rudolf Nurejews zuwenig gerecht. Man muss kein Neumeier-Fan sein, um zu wissen, wie man eine Jahrhundert-Figur des russischen Tanzes charakterisieren kann und muss: Sein „Nijinsky“ hat dem Tänzer und Choreografen ein ewig gültiges Denkmal gesetzt, sowohl in der Auswahl der Musik, der Dramaturgie, in Bühnenbild und Choreografie. Zwischen diesem Portrait und Serebrennikovs „Nurejew“ liegen Welten.
Es wäre besser gewesen, man hätte die Moskauer Inszenierung, die vor allem durch den Skandal der öffentlich gezeigten Homosexualität und die Folgen für Serebrennikov bekannt wurde, gründlich überarbeitet. Diese Chance wurde leider vertan. Was angesichts des Riesenaufwands (140 Darsteller*innen bevölkern die Bühne!), der entsprechende Mittel verschlungen haben dürfte, mehr als bedauerlich ist. Nurejew hätte eine angemessenere künstlerische Würdigung verdient!
Bitte anmelden um Kommentare zu schreiben