Cranko in China
Stuttgarter Ballett gastiert in Shanghai
Georgette Tsinguiridis erinnert sich an den Tag, der ihr Leben verändern sollte, wie heute. Es war nach einer Probe, als John Cranko sie ansprach. Sie solle sich überlegen, ob sie eine Ausbildung in London machen wolle. Da gäbe es eine neue Methode zur Notierung von Choreografien. Gerade zeigt eine Ausstellung in Paris die Geschichte der Tanznotation. Der Visionär Cranko sah die Chance, die in dieser neuen Technik lag. Denn auch in Stuttgart versuchte man, die Choreografien aufzuschreiben. Georgette Tsinguiridis selbst, die zu dieser Zeit noch Solistin der Stuttgarter Kompanie war, hatte sich dazu Gedanken gemacht und Cranko bei einigen Stücken auch bereits assistiert. So lag der Gedanke nahe, dass sie die Richtige für die Ausbildung war. Natürlich ging sie davon aus, zumindest ein paar Tage Bedenkzeit zu haben. Doch bereits am nächsten Tag kam Cranko auf sie zu und wollte wissen: „Und hast du es dir überlegt?“
„Das war typisch John,“ lacht Georgette Tsinguiridis noch heute. Die damals 37-jährige sagte zu, verließ Stuttgart und ihr Leben als Tänzerin des Stuttgarter Ensembles und fand sich 1965 in London wieder.
Ein Schritt, der ihr Leben grundlegend verändern sollte. Seit Kindertagen hatte die gebürtige Stuttgarterin, Tochter eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter, mehr Zeit in der Oper als an anderen Orten verbracht. Noch mit 98 Jahren erzählt sie stolz die Geschichte von der Großmutter, einer ehemaligen Hofdame der letzten württembergischen Königin Charlotte. Sie führte die kleine Georgette und ihre Schwester an die Oper und das Ballett heran. Georgette war erst vier Jahre alt, als ihre Mutter starb. Die Schwestern blieben bei der Großmutter in Stuttgart. Georgette nahm Ballettunterricht. Ihren ersten Vertrag als „Chortänzerin-Anwärterin“ unterschrieb sie am 1. Dezember 1945. Sie war 17 Jahre alt. Das Ballett war zu dieser Zeit noch ein Beiwerk der Oper. Das änderte sich erst ab 1957 mit Ballettmeister Nicolas Beriozoff, ehemaliger Tänzer der Ballets Russes de Monte Carlo. Er erweiterte die Kompanie und das Repertoire durch abendfüllende Handlungsballette. Als John Cranko 1961 zum Ballettdirektor ernannt wurde, gehörte Georgette Tsinguiridis zu denen, die er als Solistin in seine Truppe übernahm. Dieser Vertrag wurde auf Eis gelegt, als sie 1965 nach London ging. Die Ausbildung wurde durch ein Stipendium finanziert.
Die junge Frau aus Stuttgart gehörte dem ersten Jahrgang des neu gegründeten Benesh Institute of Choreology in einem Haus am Barons Court in London an. Rudolf Benesh, ein Maler und Musiker, sowie seine Frau Joan, ehemalige Tänzerin des Royal Ballet, hatten bis dahin nur privat ausgebildet. Jetzt wurden daraus ein Institut und das Angebot eines mehrsemestrigen Studiums. Tsinguiridis allerdings blieb nur ein Jahr, um sich den Stoff anzueignen. „Ich brauche dich wieder in Stuttgart“, habe Cranko gesagt. Das war hart, erinnert sie sich auch heute noch, denn die Notation ist ein komplexes und kompliziertes System.
Punkte und Striche
Die Schrift, die Rudolf Benesh 1955 entwickelte, basiert auf fünf Linien und erinnert an die Partitur auf einem Notenblatt. In diese fünf Linien zeichnete Benesh den menschlichen Körper ein. Eine Linie für Fuß, eine für Knie, Hüfte, Schulter und Kopf. Mit eindeutig zugeordneten Symbolen wird danach festgelegt, in welcher Position sich das jeweilige Körperteil in der Bewegung befindet. Diese Schrift zu erlernen, sie anzuwenden und dann auch wieder lesen zu können, das ist eine Kunst für sich. Bis heute ist die Benesh-Notation neben der Labanotation, entwickelt von Bewegungsforscher, Tänzer und Choreograf Rudolf von Laban in den 1920er Jahren, die geläufigste Methode.
Georgette Tsinguiridis hat es zu großer Meisterschaft darin gebracht und das größte Lob kam von Rudolf Benesh selbst. Bei einem Besuch in Stuttgart sagte er zu ihr: „You are doing very well, indeed.“
Tsinguiridis hat sich bei allen Einstudierungen, die sie im Laufe der Jahrzehnte vorgenommen hat, auf ihre Notationen verlassen. Warum für sie das Video, mit dem heute jede Choreografie aufgezeichnet werden kann, keine Alternative war, erklärt die Tanzschaffende aus der Praxis. „Da ist alles spiegelverkehrt“, sagt sie. Und wer einmal versucht hat, auf YouTube einen Tanzschritt nachzumachen, weiß, wovon sie spricht. Mehr noch aber stört Georgette Tsinguiridis an der Arbeit mit dem Video etwas anderes. Es verleite zum Kopieren, sagt sie. Aber für sie gibt es nicht die eine richtige Interpretation. Da fühlt sie sich bis heute eins mit John Cranko. „Er hat immer auf den Tänzer choreografiert“, sagt sie. Das heißt aber auch, dass jede Rolle bei der Neueinstudierung eine individuelle Note erhält. Das liegt außerhalb der Notation der Schritte, Armbewegungen und Kopfhaltung. Das zu vermitteln und die Persönlichkeit des Tänzers oder der Tänzerin herauszuarbeiten, auch das hat sie als Ballettmeisterin immer als Teil ihrer Arbeit gesehen.
Das höchste Gut der Kompanie
In einem Safe im Stuttgarter Opernhaus lagern bis heute die choreologisch archivierten Choreografien von John Cranko. Das sind die großen Handlungsballette, „Onegin“, „Romeo und Julia“, „Der Widerspenstigen Zähmung“, aber auch die vielen kleinen Stücke, die er in seiner Zeit in Stuttgart kreiert hat. Die Choreologin erinnert sich, dass sie in der Regel an mehreren Werken gleichzeitig arbeiten musste, um mit dem Pensum von Cranko mitzuhalten. Nach dessen plötzlichen Tod 1973 wurde die Arbeit noch dringlicher. Für ein paar Jahre erhielt Tsinguiridis Verstärkung durch Jane Bourne, einer Choreologin aus London. Sie übernahm es auch, die Notationen in Reinform zu übertragen – mit Pinsel und Tusche. Und dennoch war das Pensum zu hoch, blieben Choreografien unbearbeitet. Zum Beispiel „Der Pagodenprinz“, ein 1957 in London uraufgeführtes Werk, mit dem sich John Cranko in Stuttgart als Gastchoreograf vorstellte. Es ist für die Nachwelt verloren, denn die Choreografie wurde niemals notiert. Noch heute bedauert Georgette Tsinguiridis diesen Verlust.
Aber er wird aufgehoben durch die tausenden und abertausenden von Notationen, mit denen sie zur Hüterin des „heiligen Grals“ in Stuttgart wurde und die die Grundlage für ihre weitere Arbeit mit der Kompanie waren. Denn bis ins hohe Alter hinein studierte Georgette Tsinguiridis mit dem Stuttgarter Ballett, aber auch vielen anderen Ballettensembles weltweit, die Werke von Cranko ein.
Erst im Alter von 89 Jahren und nach 72 Berufsjahren verließ Georgette Tsinguiridis 2017 ihr Zimmer mit dem Stahlschrank beim Stuttgarter Ballett. An der Wohnzimmerwand in ihrem Reihenhäuschen in Stuttgart hängen neben den vielen Fotos mit den Legenden des Stuttgarter Balletts, die Urkunde des Benesh Institute of Choreology und die vielen Ehrungen, die sie für ihre Arbeit erhalten hat. 2010 wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Deutschen Tanzpreis ausgezeichnet, 2015 erhielt sie die Staufermedaille in Gold – eine besondere, persönliche und nur sehr selten verliehene Würdigung durch den Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg.
Die größte Freude aber macht ihr, dass sie bis heute Besuch bekommt von den Tänzerinnen und Tänzern der Kompanie, und dass ihr Wissen noch immer gefragt ist. Denn was sich hinter dem Punkt und dem Strich, hinter der Notation verbirgt, das wissen nur noch wenige. „Was hat sich Cranko bei Tatjana gedacht?“ Diese Frage kann die Choreologie alleine nicht beantworten. Dazu braucht es die Erinnerung an die Arbeit mit John Cranko. Und die teilt Georgette Tsinguiridis bis heute sehr gerne.
Susanne Wiedmann: Georgette Tsinguiridis. Ein Leben für John Cranko und das Stuttgarter Ballett. Verlag molino. ISBN 978-3-911682-16-9, 18,00 €
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