Gegen die „Amnesie“ des Tanzes
Nationalkonservatorium in Paris bietet Ausstellung und Ausbildung zu Tanznotation
Von Körper zu Körper und von Mund zu Mund – Tanz wird in erster Linie durch gelebte, sinnliche Erfahrung weitergegeben. Er gehört zu einer mündlichen Tradition, einem Wissen um den Augenblick und die Bewegung, das in der Intimität des Studios geteilt wird. Doch was geschieht, wenn, wie Pauline Chevalier für Radio France feststellt, diese Kette von Körpern unterbrochen wird? Wie können wir dem Verlust der Erinnerung entgegenwirken? Wie können wir zum Wesen einer Choreografie zurückkehren?
Die Antwort ist einfach: Man schreibt es auf. Die Bewegungsnotation als Werkzeug zur Bewahrung, Weitergabe und Kreation bietet ein Mittel gegen das, was der Choreograf Angelin Preljocaj als „Amnesie des Tanzes“ bezeichnet. In Deutschland hat sich da vor allem Georgette Tsinguiridis als erste Choreologin am Stuttgarter Ballett mit Benesh-Bewegungsnotation einen Namen gemacht.
Partituren werden so zu echten Archivressourcen, die eine Bewahrung ermöglichen, die dem ursprünglichen, sinnlichen Objekt so nahe wie möglich kommt. Angereichert mit Einführungen, Glossaren und verschiedenen Materialien (Bilder, Videos, Zeugnisse) zum Repertoire oder zur notierten Praxis fangen sie durch auf Papier gezeichnete Zeichen das Wesen der Kreation ein. Ob einfach oder sehr detailliert, bilden sie Bewegungsarchive, die sowohl von den Absichten des Choreografen als auch vom praktischen Wissen des Tanzes zeugen.
Die Bewegungsnotation eröffnet zudem neue kreative Möglichkeiten, insbesondere im Rahmen von Kompositionsprozessen, und erweist sich als wertvolles Werkzeug für die Bewegungsforschung. Auf diese Weise trägt sie zur Bewahrung eines gemeinsamen Erbes und zur Weitergabe des Repertoires bei.
Bewegungsnotation heute
Es gibt verschiedene Systeme der Bewegungsnotation, die Ann Hutchinson-Guest in verschiedene Kategorien einteilt: Systeme aus Wörtern und Abkürzungen, Systeme auf der Grundlage des Notensystems, figurative Systeme, räumliche Aufzeichnungssysteme und Systeme, die abstrakte Symbole verwenden.
Am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris (CNSMDP) werden zwei Ausbildungsprogramme angeboten: eines in Benesh-Bewegungsnotation und eines in Laban-Kinetografie. Jedes besteht aus zwei zweijährigen Zyklen mit monatlichen Sitzungen, die dem Erlernen der Bewegungsnotation gewidmet sind. Bis zum 10. Mai läuft die Bewerbungsfrist für den ersten Studienzyklus in Bewegungsnotation
Interessierte finden zudem bis zum 29. Mai eine Ausstellung im CNSMDP in der dortigen Médiathèque: Hier finden sich Erfahrungsberichte von Notator*innen und Choreolog*innen, die Präsentation von Partituren (vom Entwurf bis zur endgültigen Fassung), Einführungen in die Notation und vieles mehr. Dies sind nur einige der Möglichkeiten für ein Publikum jeden Alters, eine Praxis zu entdecken, die den Tanz nicht nur bewahrt, sondern uns auch dazu einlädt, ihn zu lesen, zu verstehen und letztendlich mit ihm zu bewegen.
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