„Nachtträume“ von Marcos Morau

Warte, bis es dunkel wird

„Nachtträume“ von Marcos Morau mit dem Hessischen Staatsballett in Darmstadt

„Der grüne Tisch“ (1932) von Kurt Jooss dient hier als Folie für ein überbordendes Maß an Referenzen. Und die Tänzer*innen sind irgendwann kopflos. Wortwörtlich.

Darmstadt, 13/09/2026

Wenn die Lichter ausgehen, gibt es bei diesem Theaterabend keinen gnädigen Moment der Stille – stattdessen hört man drohende Einschläge näherkommen. Wenn die Solotrompete eine Abschiedsmelodie spielt und der Vorhang zum ersten Mal fällt, ist der Abend noch lange nicht vorbei, und selbst nach dem tatsächlichen Ende klingt die Musik noch weiter. So überbordend in seinen szenischen Einfällen, politischen Anspielungen, sozialen Bezügen und kulturellen Referenzen sind die „Nachtträume“ des Starchoreografen Marcos Moreau, dass sie das Zeug haben, noch lange im Kopf weiterzugehen. Das Publikum im Darmstädter Staatstheater feierte die erste Tanzpremiere der Saison jedenfalls mit Standing Ovations.

Weil in Träumen bekanntlich alles erlaubt ist, hat sich Marcos Morau genüsslich bedient am unerschöpflichen Vorrat kultureller Referenzen; die wichtigste ist das weltberühmte Anti-Kriegsstück „Der grüne Tisch“ (1932) von Kurt Jooss, einer überzeugenden Sezierung der Mechanismen von Macht und Krieg in einer streng stilisierten Bewegungssprache. 

Auch Clara Aguilar hat in die Klangflächen ihrer Originalkomposition so viele musikalische Zitate eingeflochten, dass man allein vom Hören atemlos werden kann. Damit nicht genug, gibt es als weitere Ebenen: eine Sprecherrolle für die glitzernde „Königin“ – gefundenes Fressen für Christian Klischat. Er säuselt, krächzt oder schreit subversive Texte aus Calderóns „Das Leben ist ein Traum“ – beschwörend, drohend oder provozierend. Und doch bildet die simple Forderung „Lieb mich!“ Anfang und Ende seiner Auftritte. 

Die Neuerfindung von Gruppenchoreografie ist das Markenzeichen von Marcos Moreau. Keiner legt optisch so einfallsreich, kulinarisch und klug zugleich den Finger an die Schnittstelle zwischen Individuum und Gemeinschaft. Die mitreißenden Bilder haben Kultpotenzial – könnte nicht das berauschend orchestrierte Miteinander jederzeit umschlagen in blinden Gruppenzwang oder Kadavergehorsam, wären die widerständigen, individualistischen Außenseiter nicht auch riskante Verführer oder ohnmächtige Outlaws.

Ein Thron auf dem Scheiterhaufen

Morau arbeitet mit einem ritualisierten, manchmal wie abgehackt wirkenden Bewegungsvokabular, das sich immer wieder zu faszinierenden Tableaus zusammenfügt. Das Bühnenbild (Max Glaenzel), in dessen Zentrum ein riesiger runder Tisch steht, spielt an das Stück von Jooss an – zudem bietet eine unübersichtliche Menge schwarzer Stühle jede Menge Spiel-Anlässe. Hier agiert ein auf 28 Tänzerinnen und Tänzer aufgestocktes Hessisches Staatsballett in Bestform. Von Silvia Delagneau in vielfältiges, beziehungsreiches und raffiniertes Schwarz-Weiß gekleidet, verwandelt sich die große Gruppe von braven, schulbubenhaften Mitläufern in anonyme Geschäftsleute oder glitzernde Partygäste. 

Beim ausgelassenen Feiern schaffen Schwarz-Weiß-Projektionen wie aus einem Kaleidoskop einen verführerischen optischen Sog für den Tanz auf dem Vulkan. Aber nichts ist harmlos in diesem 95-Minuten-Traum. Unter einem riesigen Bühnenhimmel erscheint ein ganzer Kranz von Überwachungskameras; die Anzugträger sind plötzlich ganz real kopflos geworden und der Thron für die Königin entpuppt sich als Spitze eines Scheiterhaufens. 

Marcos Moreau wird weltweit hofiert; derzeit arbeitet er beständig für das Berliner Staatsballett, Nederlands Dans Theater und für das Theater der Mailänder Triennale. Umso mehr zählt dieser weitere, ziemlich große Puzzlestein für die schon länger währende Zusammenarbeit mit diesem Ausnahmekünstler. 

 

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