Tanzkongress 2013 – Der Blog
Tag 2: Freitag 7. Juni - „You have to fill it with your will, yo!“
Von Arila Siegert
Sie wollte immer tanzen. Die Familie hat es ihr nicht erlaubt. Doch Eva Winkler hatte schon immer einen eigenen Kopf und bewarb sich nach ihrem Abitur in Nordhausen kurzentschlossen an der Dresdner Palucca Schule. Und wurde angenommen. Zur gleichen Zeit wie Ruth Berghaus absolvierte sie eine Ausbildung als Tanzpädagogin - offenbar so erfolgreich, dass Palucca sie eigentlich als Lehrkraft halten wollte.
Es kam anders. Ohne Wissen von Palucca setzte sie sich persönlich beim Zentralrat der FDJ dafür ein, dass Ruth Berghaus mit ihrer Choreografie und den beteiligten Tänzern beim Treffen der Jungen Künstler in Berlin auftreten dürfe. Der Zentralrat der FDJ beschwerte sich bei Palucca über das eigenmächtige Handeln von Eva Winkler. Palucca berief eine Vollversammlung ein und erteilte ihr vor versammelter Lehrer- und Schülerschaft einen Verweis. Als dagegen niemand Einspruch erhob, zog Eva Winkler enttäuscht die Konsequenzen und kehrte der Schule den Rücken. Ein tiefer Einschnitt.
Eva ging zu Marianne Vogelsang. Die Palucca-Schülerin Vogelsang war seit 1951 bis zu ihrer Kündigung 1958 Leiterin der Abteilung Moderner Tanz an der Fachschule für Künstlerischen Tanz Berlin. Um auf den politischen Druck zur Systematisierung der Ausbildung im modernen Tanz zu reagieren, erarbeite sie eine Methodik des Neuen Künstlerischen Tanzes und veröffentlichte sie als Unterrichtsmaterial. Doch das Ministerium setzte auf eine klassisch ausgerichtete Ballettausbildung in Kooperation mit der Waganowa-Akademie Leningrad. Vogelsang wurde verdrängt aus ihrer Schule, der heutigen Staatlichen Ballettschule Berlin. Eva Winkler ging mit Marianne Vogelsang als ihre Assistentin. Anders als Palucca, die sich auch in der Zeit der Formalismus-Debatte immer der Unterstützung eines Bertolt Brecht oder einer Anna Seghers sicher war, hatte Marianne Vogelsang keine Rückendeckung von Seiten der Akademie.
Eva Winkler kehrte nach einem Zwischenspiel beim Erich-Weinert-Ensemble 1965 zurück an die Palucca Schule und übernahm eine Mädchenklasse im Fachbereich Neuer Künstlerischer Tanz. Sie war eine Lehrerin, so meine Erinnerung, von großem menschlichem und künstlerischem Format. Mit viel Einfühlungsvermögen und Verständnis forderte sie ihre Schülerinnen heraus. Sie wollte nicht einfach Widerspruch, sie weckte und stärkte ihn, wie auch Palucca und später Tom Schilling an der Komischen Oper, das für die eigene Entwicklung so unabdingbare Selbstvertrauen. Ihr ging es immer um eigene Lösungen, künstlerisch wie menschlich.
Einmal zeigte sie einen Stapel Fotos auf dem Flügel. Wir, zwanzig Mädchen, schauten uns die Fotos an. Erst dachte ich, ich sei auf den Fotos, und erschrak. Es waren Aufnahmen von Dore Hoyer. Als ich dann meine erste Choreografie mit meiner Klasse versuchte, wählte ich als Anregung ein Buch des jugoslawischen Literaturnobelpreisträgers Ivo Andrić mit dem Titel „Gesichter“. Zeigen durfte ich die Choreografie in der Schulvorstellung allerdings nicht. Ihr wurde „un-sozialistisches, bürgerliches Denken“ unterstellt. So beginnen manchmal Widersprüche – und Karrieren.
Nach einem Studienaufenthalt in Kuba wechselte Eva Winkler dann 1978-90 als Pädagogin für modernen Tanz in die Choreografie-Ausbildung der Theaterhochschule „Hans Otto“ Leipzig. Tom Schilling war dort Professor. Auch Peter Jarchow, mit dem sie 1979 in dem Buch „Neuer künstlerischer Tanz - Eine Dokumentation“ die Unterrichtsarbeit an der Palucca Schule Dresden zwischen 1965 und 1976 erfasste und systematisierte. In späteren Jahren arbeitete sie als Honorarprofessorin an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig. Gastkurse führten sie u.a. an die Gulbenkian-Stiftung Lissabon, nach Kuba und an die Folkwang-Hochschule in Essen-Werden.
Zuletzt lebte sie zurückgezogen in Pankow, aber hellwach, widerspruchsfreudig und jung wie immer. Für einen Jux war sie immer zu haben. Für eine Zigarette sowieso. Am 27. Februar 2026 hat uns Eva Winkler verlassen, einige Monate vor ihrem 96. Geburtstag.
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