Neue Leitung der Tanzsparte am MiR
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Um nichts weniger als die große Frage, ob wir Menschen in Zeiten der Reizüberflutung von Social Media noch zwischen Wirklichkeit und Fake unterscheiden können, dreht sich der neue Ballett-Abend der Bühnen Bern. Was ist echt, was ist real? Seit der Aufklärung heute wichtiger denn je. Gastchoreograf Giuseppe Spota interessiert sich weniger für die Maschinen und Technik an sich, sondern was sie mit unserer Wahrnehmung machen. Wer kennt die Antwort besser als der menschliche Körper? Denn reale Berührungen entstehen zwischen zwei Menschen und nicht durch Algorithmen.
Fata Morgana steht für bizarre Luftspiegelungen, die als Trugbild am Horizont erscheinen. Für Spota sind sie die Verzerrungen, die uns täglich auf den Bildschirmen entgegenflimmern. Die Fee (Fata) ist in diesem Stück nicht zu sehen, sie taucht aber akustisch im Klangkonzept auf.
Zentrales Element der Inszenierung ist ein großer Kubus, eine Art eckige „Wundertrommel“, die sich auf einer Drehbühne so lange im Kreis bewegt, bis es einem von all den Drehmomenten schon mal schwindelig wird. Der Kubus ist sowohl Projektionsfläche für Videos wie Spielort für die Tänzer*innen. Sind da nicht plötzlich viel mehr Tänzer*innen als vorher, die sich Avantaren gleich hinter und vor, im und auf dem Kubus bewegen? Sind sie nun nackt oder tragen sie hautfarbene Kostüme? Für weitere Irritationen sorgen das Lichtdesign (Andreas Schmidt) und die Videoeinspielungen von Alessandro Grisendi und Marco Noviello.
Was ist echt?
Einen Spagat zwischen zwei Parallelwelten leistet sich Bern Ballett auch musikalisch. Die Musik zu „Morgana“ stammt vom zeitgenössischen Komponisten und Produzenten Christof Littmann, der sowohl in der Populär- wie klassischen Musik zu Hause ist. Es scheint, als mache sich an den hiesigen Theatern ein neues Musik-Genre breit, nämlich die Vermischung von komponierter und vom Orchester live gespielter Musik mit elektronischen Klängen. Der Dirigent und musikalische Leiter Clément Lonca in Bern hat sich zwischen Harmonien und synthetischer Klangtextur anzupassen, eine Herausforderung auch für das Berner Symphonieorchester. Da stellt sich wiederum die Frage, was ist „echt“, also von analogen Instrumenten live gespielte und was ist digitale Musik? Die Musik könnte übrigens in den folgenden Vorstellungen noch besser abgemischt sein, die Klänge aus dem Orchestergraben waren sehr laut.
Die 14 physisch stark trainierten Tänzer*innen erschaffen aus den anfänglich unpersönlichen, zappelig nervösen Figuren menschenähnliche und lebendig erscheinende Persönlichkeiten. Sie vermögen dem kraftvollen Bewegungsvokabular des Choreografen scheinbar mühelos zu folgen. In sinnlichen Duetten, zum Teil Pole-Dance-artig auf dem schrägen Dach des Wunderturms performt, bis zu heftigen Begegnungen zeigen sie echtes Begehren und Verlangen. Auch die Musik wechselt mehr und mehr von technischen Rhythmen zu harmonischen Klängen.
Aufschlussreich und inhaltlich gut ist das Stück von der Dramaturgin Bettina Fischer begleitet. Spota, der in Bern nicht nur für die Choreografie, sondern auch für das Bühnenbild verantwortlich ist, war bis Ende letzter Saison Direktor der MiR Dance Company in Gelsenkirchen.
Das Premierenpublikum zeigte sich gefordert, aber nicht überfordert und bedankte sich jubelnd bei Ensemble und Orchester, bis jemand mitten in den Standing Ovations sogar nach einer Zugabe rief.
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