„Ashes to Dawn“ von Akira Yoshida, Tanz: Ashley Affolter und Alessio Monforte

Irrwege, Auswege

Triple-Bill „Phoenix Effect“ am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen

Erst physical theatre mit Anleihen an Sartre, dann noch physischer, so dass die Bühnenbretter krachen. Diese Körperlichkeit gipfelt schließlich in auffällig vertrautem Miteinander. So sieht ein eingespieltes Ensemble aus.

Gelsenkirchen, 01/05/2026

Wer kann, der kann. Das gilt für Tänzer*innen, das gilt für Choreograf*innen. Wenn aber das Miteinander in der Arbeitsweise nicht gelingt, taugt die beste Choreografin nichts, und auf der Bühne läuft zwangsläufig niemand zu Höchstform auf. Was das MiR-Ensemble in Gelsenkirchen anbelangt, muss man sich diesbezüglich keine Sorgen machen. Jede und jeder Einzelne kommt mit überzeugendem Verve um die Ecke. Diese Eigenständigkeit sorgt auch beim neuen Abend „Phoenix Effect“ dafür, dass die drei Arbeiten ohne Reibung über die Bühne gehen. Zumindest im übertragenen Sinn. 

Zu wörtlicher Reibung kommt es schon mal bei der geballten Energie von Lali Ayguadés „Within Me“. Da rutschen die Tänzer*innen über den glatten Boden, dass ein unangenehmes Quietschen Sorgen um die Zustände mancher Hautpartien entstehen lässt. Schmerzfrei geht’s aber wohl so oder so nicht zu, angesichts des wiederholten Krachens auf die Bühnenbretter. Körperlich intensiv ist diese Art der Wiedergeburt, dieser Transition-Prozess in einem nüchternen Setting: Aus einem unklaren, hellen Raum mit Belüftungsschlitzen und zwei Fenstern heraus treten die Tänzer*innen, als entdeckten sie Neuland. Im Zentrum steht eine Frau (Chiara Rontini), deren Wandlungsprozess scheinbar stellvertretend für die der anderen steht. Schmerzensschreie, die an eine Geburt denken lassen, durchziehen die körperlich intensive Arbeit genauso wie immer wieder aufploppendes, leises vor sich hin Lachen, als fiele immer wieder der Groschen der Erkenntnis. Es wird viel geflüstert. Katharsis braucht ihre Zeit. 

Diese Gruppe Orientierungsloser wird gelockt oder sogar verführt von einer Art katholischem Priester. Javier de la Asunción Soto wirbelt in seiner Soutane wie ein Derwisch über die Bühne und scheint seine Fäden zu spinnen. Die fast nervös vor der Brust zusammengekrampften Hände könnten ihn als unsicher lesbar machen, dafür ist diese Figur aber zu gerissen. In einer Ensembleszene führt er alle synchron wie zu einem Ritual an. 

Verführung ans Licht

Auch, wenn der Priester mit einer leuchtenden Röhre in der Hand die Einzelnen wörtlich ans Licht führen will, steht Chiara Rontini am Ende ganz allein im warmen Licht. Sie ist die Einzige, die den Schritt nach draußen gewagt hat, als sich die Wände immer weiter auf die Gruppe zubewegt und den Raum quasi in nichts aufgelöst haben. Sie ist die Einzige, die ihren Weg geht.

Diese Neugeburt bildet das Pendant zu „Ashes to Dawn“ von Akira Yoshida, die davor den psychologischen und körperlichen Niedergang setzt, den es braucht, damit der „Phoenix Effect“ passieren kann. Ihre vier Tänzer*innen schweben zeitlos in einem geschlossenen Raum mit abgeranzten Sofas wie in Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Einer scheint zu viel, er stört. Wie ist er überhaupt dorthin gekommen? Diesen geschlossenen Raum bilden hellgraue Wände, welche die Rückseite des nüchternen Settings aus „Within me“ sind. Am oberen Ende, wo scheinbar ein Feuer Teile zerstört hat, kann man ins Innere blicken. Die Wände sind wie riesige Kästen. Diese die beiden Uraufführungen verbindende Elemente hat Guiseppe Spota entworfen, scheidender Direktor der MiR Dance Company. In der kommenden Spielzeit übergibt er den Posten an Mohammed Kaltuk, der mutmaßlich stärker die urbane Ausrichtung suchen wird. 

Yoshida setzt mit „Ashes to Dawn“ auf sehr körperliches Tanztheater, klares physical theatre, garniert mit kleinen Taschenspielertricks wie einem mit Eigenleben versehenem Feudel. Ein bisschen mag man, auch wegen der Art des Settings, an die Belgier von Peeping Tom denken. Auch Yoshida arbeitet mit konkreten Gesten; auch er zerlegt die Körper der Tänzer*innen in ihre einzelnen Gliedmaßen. Die Zeit ist hier aus den Fugen, bleibt mal stehen, rast mal hin und mal wieder zurück. 

Vorhölle ohne Ausweg

Und wie bei Sartre geht es um die Frage, wie man damit umgeht, dass in dieser Vorhölle nichts geschehen wird, wenngleich sich die Körper immer weiter aufzulösen und dabei sukzessive immer schwerer zu werden scheinen. Für das Publikum immerhin ist diese Ausweglosigkeit unterhaltsam. Die offene Bühne des Kleinen Hauses ohne Guckkasten erlaubt dafür die unmittelbare Nähe. Distanz im Ausdruck ist so gar nicht möglich. 

Das MiR-Ensemble sucht sogar die Nähe zum Publikum: 2023 wurde die dritte Arbeit dieses Abends, „Hand Made“ von Olivia Court Mesa, im Gelsenkirchener Kunstmuseum uraufgeführt. Auch in der Reduktion auf die zentrale Perspektive auf der Bühne übersetzt sich der räumliche Ansatz mühelos. Court Mesa ist eine der Preisträgerinnen der Rotterdam International Duet Choreography Competition. Das MiR bietet den Gewinnern schon länger eine Plattform. Und tatsächlich kitzelt sie das Beste aus den zwei Tänzerinnen und zwei Tänzern heraus, während sie sie offenbar ganz sie selbst sein lässt.

Dafür braucht es eigentlich gar nicht den aus dem Off eingespielten Prolog, in dem die Rede davon ist, wie viel Arbeit, Schweiß und Mühe in diesem „Handwerk“ steckt. Gleichzeitig bereitet das den Boden für eine auffällige Vertrautheit zwischen den Tänzer*innen. In einem schlichten roten Ring, der auf dem Boden aufgelegt wird, verbinden sich die vier immer wieder, in erster Linie, wie es der Titel vermuten lässt, über ihre Hände. Die Begrenztheit des Raumes führt geradezu zu Intimität, die aber nie aufgeladen ist. Gelassen zeigen Marie-Louise Hertog und Chiara Rontini, dass Frauen sehr wohl auch Männer heben können. Das sagt wohl alles, auch über dieses Ensemble.

 

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