„Meditation Reprise“ von Kyle Abraham, Tanz: Ensemble

Ohne Bedeutung

„Mixed Bill“ mit einer Uraufführung von Kyle Abraham im Festspielhaus Hellerau

Kyle Abraham gilt als Meister bei der Vermischung von Hip-Hop, Streetdance und Ausdruckstanz. Der in Hellerau gezeigte „Mixed Bill“-Abend des aktuell gehypten Künstlers bleibt hier aber merkwürdig farblos.

Dresden Hellerau, 24/01/2026

Übersetzungsprozesse sind komplexer als man meinen mag. Das gilt für Sprachen genau wie für die Kunst. Und wenn es an Verständnis mangelt, liegt das nicht immer am Adressaten. So scheinen zwei Tänzer in dem kurzen Ausschnitt aus „Dearest Home“ zwar nebeneinander, auch aneinander, aber bis zum Schluss nicht miteinander zu sein. Trotz aller Versuche. Gemeint ist damit nicht ihr offensichtliches wiederholtes Scheitern eines Miteinanders, sondern die künstlerische Wirkungslosigkeit ihrer Versuche, zueinanderzufinden. Ganz ohne Musik kommt das Stück aus, was enorme Intensität bedeuten könnte, bleibt hier aber ohne größere emotionale Wirkung. 

Vor seinem Duett „Dearest Home“ schickt Abraham zwei Saxofonisten auf die Bühne, die sich mit experimentellen Sounds einen komplexen Dialog liefern und damit den Raum für die Choreografie „2x4“ öffnen. Zwei Tänzerinnen und Tänzer schwirren darin umher und zeigen das, was als Mischung aus Ballett, Modern Dance und urbanen Tanzstilen angepriesen wird. Das Ergebnis zeigt Bruchstücke, aneinandergereiht, als leere Gesten. Das Ensemble hat starke Tänzerpersönlichkeiten, aber aus einer schmalen Choreografie können auch sie nicht viel rausholen. Alles läuft an einem vorbei wie beim Blick aus einem Café hinaus auf eine belebte Straße in einer beliebigen Großstadt. 

Wo ist der Inhalt?

Immer wieder variieren die Tänzer*innen ihre Geschwindigkeiten, ohne damit etwas auszusagen. Die Stile verbinden sich nicht miteinander. Wenn Anleihen aus dem Ballett oder dem Hip-Hop sichtbar werden, fehlen irgendwie Inhalt und Botschaft. 

Auch das Solo „Show Pony“ über Sichtbarkeit, Rollenbilder und Selbstwahrnehmung wirkt vordergründig. Immer wieder durch einen einzelnen Piff aus einer Trillerpfeife angetrieben macht Alysia Johnson ihr Ding, setzt immer wieder an, um gestisch beschäftigt zu wirken. Der einzige Glanz bei all dem geht von ihrem goldfarbenen Kostüm aus. 

Wurde das letzte Stück des Abends, die Uraufführung von „Meditation Reprise“ mit besonderer Spannung vom Publikum erwartet, zeigte sich hier leider sogar der Tiefpunkt des Programms. Hinter dem Titel vermutet mit Sicherheit niemand eine „Black Lives Matter“-Auseinandersetzung. Drei in mehreren Ebenen überlagerte Portraitskizzen schwarzer Männer blicken intensiv von der Rückwand ins Publikum. Davor spielt sich zwischen den zehn Tänzer*innen eine Gruppenbewegung ab, in der Schmerz, Wut, Trauer und Verzweiflung durch die gemeinsame Suche nach Trost, Bewältigung und Zuversicht durchlaufen wird. Aus dem Off zählt eine weibliche Stimme Menschen auf, erst mit ihrem Alter, dann ihrer familiären Position, die Cousine, der Vater, schließlich mit vollem Namen. Eine authentisch wirkende akustische Szene wirkt wie der Mitschnitt einer Situation, in der Polizeigewalt gegen Schwarze eskaliert. 

Die Bewegungen bei reduziertem Licht sind nach innen gekehrt, es wird viel gesessen und gelegen, reflektiert und mahnend geschwiegen. Einen Schluss und damit eine Aussage findet das Stück nicht. Das gilt auch für dramaturgische Entwicklung in allen vier Stücken, die nicht ausreichend erkennbar wird.

Der amerikanische Choreograf Kyle Abraham hat die Massen ins Festspielhaus Hellerau gelockt; auch die zweite Vorstellung seines vierteiligen „Mixed Bill“ am Samstag ist ausverkauft. Das Publikum zeigte sich bei der ersten Vorstellung begeistert, nur war schwer ersichtlich, wovon.

In der kommenden Woche reist das Gastspiel weiter nach Hannover zum Real Dance Festival. Wie sich der Abend dort in die Auswahl der meist eher experimentellen Arbeiten einreihen wird, bleibt spannend.

 

Kommentare

Noch keine Beiträge

Ähnliche Artikel

basierend auf den Schlüsselwörtern