Jessica und Megan Kennedys „Dances like a bomb“ mit Finola Cronin und Luc Dunberry 

Ruf der Schwerkraft

Jessica und Megan Kennedys „Dances like a bomb“ beim Steps-Festival

Die Symbiose von Tanz und Alter ist nicht oft auf der Bühne zu erleben. Dass dies ein Verlust ist, beweisen Finola Cronin und Luc Dunberry in einem melancholischen, witzigen und kraftvollen Werk. Reduktion ist hier Fülle und Schönheit nicht makellos.

Zürich, 20/03/2026

Aus dem großen und wohlkuratierten Tanz-Füllhorn, welches das STEPS Festival gerade drei Wochen lang über der Schweiz ausschüttet, ist mit „Dances like a bomb“ ein wahres Kleinod auf die Bühne der Zürcher Gessnerallee gepurzelt. Konzipiert und (gemeinsam mit den Darstellenden) choreografiert wurde das Werk von den irischen Zwillingsschwestern Jessica und Megan Kennedy, Gründerinnen der Tanz-Theater Kompanie Junk Ensemble. Die Uraufführung fand im Mai 2022 beim Dublin Dance Festival statt.

Sie haben etwas getan, was zu selten im Tanz zu sehen ist und wehmütig an die Zeiten vom NDT III denken lässt: Die Künstlerinnen haben ihr Stück besetzt mit Finola Cronin und Luc Dunberry, die auf sieben bzw. noch nicht ganz sechs Lebensjahrzehnte zurückblicken können. Cronin war in den 80er und 90er Jahren Tänzerin bei Pina Bausch, Dunberry Ende der 90er unter anderem im Tanzensemble der Schaubühne und bei Sasha Waltz and Friends.

Tanz und Alter scheinen sich zu oft auszuschließen. Wo fängt überhaupt „alt“ an in einem Beruf, dessen Ausübende häufig schon mit Mitte 30 lapidar befinden: „I am old.“ Darf man das Wort überhaupt benutzen? Oft wird unbeholfen navigiert zwischen „reif“, „nicht mehr ganz jung“oder „erfahren“. 

Was Finola Cronin und Luc Dunberry (die Originalbesetzung seiner Rolle war Mikel Murfi) hier neben großartiger darstellerischer Kraft an den Tag legen, ist der Mut, ihr Alter zu zeigen. Mut, der vielleicht erst mit diesem überhaupt entsteht. Und sie liefern den Beweis, dass auch in der Reduktion eine unglaublich expressive Fülle liegt.

Wobble and flap

Sitzend, in Unterwäsche, drehen beide die Köpfe zueinander, stehen auf. Es folgt ein Duett der gegenseitigen Bestandsaufnahme dessen, was die Schönheitsindustrie euphemistisch als „verminderte Spannkraft“ bezeichnen würde. Da werden Cronins Oberarme zum Wabbeln gebracht, sie zuppelt an Dunberrys nicht mehr existenten Sixpack. Trocken wird kommentiert: „wobble…flap“. Über den „Ruf der Schwerkraft“ wird später noch sinniert. 

Das Paar entfaltet die Facetten des (gemeinsamen) Alterns und oszilliert zwischen Zärtlichkeit, Suchen, Halten, Klammern und störrischen Ausbrüchen in eine Autarkie, deren Entgleiten unübersehbar ist. Sie spielen „ways of dying“: Verwahrlosung, Erschiessen, Ertrinken, Autounfall; alle Szenarien werden gestisch, mimisch und lautmalerisch durchexerziert. Das urkomische Spiel endet mit „assisted dying“, da bleibt das Lachen im Halse stecken.

Ein offenherziges Frage- und Antwortspiel stimmt nachdenklich. Im voice-over Ping Pong fliegen Fragen und Antworten hin und her: „Is there anything you regret?", „What haven’t you done yet?“, „When are you most happy?“, „What would you like to see?“. Das Bedauern, keine High Heels mehr tragen zu können, greift Finola Cronin auf, trägt eben diese in quietschroter Farbe, wiegt sich, schreitet, scheint mit ihren expressiven Armen nostalgisch-zärtlich ihre Vergangenheit umarmen zu wollen. Rauchend, mit einem Infusionsständer nähert sich Cronin Dunberry, der sie mit einem Beutel verkabelt und sich eine Zigarette an ihrer entzündet. Fast verschwörerisch und mit einem triumphierenden Hauch Abenteuerlust tauchen sie ein in ein Pas de Trois mit dem metallenen Gefährten. 

Verlust oder Feier des Lebens?

Der unausweichliche Verlust des Sich-Habens, des Lebens, umhüllt beide wie eine unsichtbare Wolke. Aber dann wird das Leben nochmal gefeiert! Zunächst verhaltenen im Sitzen, dann langsam – im auffordernden Takt lauter Musik – ausladender im Stehen und schließlich in befreitem Tanz. Like a bomb. Beide hotten ab, geben alles, und vor allem die die 70-jährige Cronin beeindruckt mit einem unglaublichen Bewegungsvermögen. Bei dem 57-jährigen „Jungspund“ Dunberry überrascht dies weniger. 

Ein mitreißendes Aufbäumen beschließt dieses beeindruckende Werk, in dem sich Zerbrechlichkeit, Verwundbarkeit und Stärke ineinander verweben. Und in dem Finola Cronin und Luc Dunberry durch ihr Alter und ihre Erfahrung immer wieder eine ehrliche, unverstellte Form von Schönheit offenbaren. Tanztheater als Plädoyer gegen Makellosigkeit und für die Sichtbarkeit des Alters auf der Bühne.

 

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