„IN THE BRAIN“ von Hofesh Shechter 

„Tanzen ist wie Träumen“

Uraufführung „IN THE BRAIN“ von Shechter II in Bern

Gut geglückter Start des 20. internationalen Tanzfestival Steps in der Schweiz: Hofesh Shechter hat mit seiner jungen Company einen ersten Glanzpunkt gesetzt.

Bern, 07/03/2026

Selten wurde Tanz in all seinen Facetten (zu recht) so hoch gelobt wie an der Eröffnung der des Tanzfestival Steps in der Dampfzentrale Bern. Hochkarätige Ansprachen von der Berner Stadtpräsidentin gefolgt von einer Bundesrätin, die mit berühmten Zitaten von Martha Graham bis Pina Bausch gespickt waren. Tanz darf unbequem sein, aller Anfang ist Bewegung, vom Zauber des Tanzes und vom Tanz, der Menschen verbindet war die Rede. Und selten wurde ein Versprechen so glänzend eingehalten wie an diesem Abend.

Für das diesjährige Programm schafften es die Veranstalter, eine Uraufführung von einem der derzeit angesagtesten Choreografen einzuladen: Hofesh Shechter, berühmt für seine exzessive Bewegungssprache und energiegeladenen Produktionen. Neben zahlreichen Gastspielen und einer eigenen Company hat er neu ein Nachwuchsensemble – Shechter II – mit 8 jungen TänzerInnen zwischen 18 und 25 Jahren gegründet. Diese Company debütierte nun mit dem Stück „IN THE BRAIN“, bevor es weiter auf Tournee geht. 
 

Vom Kopf in den Körper

Shechter will darin Parallelen zwischen Clubkultur, zeitgenössischem Tanz und Folkore aufzeigen. Entstanden ist ein mitreißendes einstündiges Stück, das sowohl kraftvoll wie berührend ist. Atemlos ist zu verfolgen, was und wie diese jungen Tänzer*innen sich beinahe die Seele aus dem Leib tanzen, wie sie allein durch Bewegung ihre Gefühle wie Angst, Ausgelassenheit, Freude und Schrecken herausschreien: von den Fingerspitzen bis zu den Füßen, vom Kopf (...in the Brain) direkt in den Körper. 

In einer Art Urbewegung wälzen und blubbern die Tanzenden (in Alltagskleidern und Socken) erst leise vor sich hin und zelebrieren eine Art von Auferstehung. Wenig Licht erfüllt die Bühne, ähnlich wie in einem Club. Was im Gehirn seinen Anfang nahm, setzt sich in explosivem Tanz fort. Shechter und seine Tänzer*innen verlassen sich nicht auf Stereotypen aus der Clubszene oder des Volkstanzes, sondern flechten einzelne Moves gekonnt in die Formationen und individuellen Exploits ein. Ethnische Tanzschritte mischen sich mit zeitgenössischem Clubtanz, zeremonienähnliche Beschwörungsrituale wechseln sich ab mit heftigen Eruptionen. Die Musik ist wie ein Sog, der die Tanzenden animiert; sie suchen Schutz im Zueinander, sie sind erschöpft und finden sich in Umarmungen. Ihr Enthusiasmus ist so ansteckend, dass schon nach kurzer Zeit der Funken ins Publikum hinüberspringt.
 

Traum oder Wirklichkeit?

Was nach Chaos tönen mag, ist perfekt choreografiert und inszeniert von Shechter. Nichts scheint dem Zufall überlassen zu sein. Shechter meinte in einem Interview, seine Arbeit beginne jeweils mit dem Chaos: „Ein Stück funktioniert so wie ein Traum. Es lässt einem viele Dinge fühlen, darüber zu sprechen, ist schwierig.“ Eintauchen in die Welt des Unbewussten, ist es ein Traum oder die Wirklichkeit? Shechter weiter: „Für mich ist der kreative Prozess chaotisch. Ich und die Tanzenden, jede und jeder packt etwas aus seiner Büchse aus. Danach geht es darum, das Chaos zu ordnen.“

Shechter verfügt über das künstlerische Vermögen, Chaos in Kunst zu verwandeln. Er ist gelernter Schlagzeuger und bekannt für seine elektronischen Musikkompositionen, die er jeweils zu seinen Stücken schreibt. Auch in „IN THE BRAIN“ spielt die Musik eine zentrale Rolle. Kein bleierner Klangteppich, sondern fein dosierte Musik. Mal aufpeitschend, laut und anfeuernd, mal sanft zu meditativen Szenen. 
 

Tanz für alle

Die Company Shechter II zeigt Tanz pur in seiner ursprünglichen Form und ist zugleich zukunftsweisend: sich verlieren und zu binden vermögen im Tanz. Oder wie Shechter betont: „Mir ist es wichtig, Menschen zusammenzubringen im Tanz. Tanzen ist ein Fest für alle“. So ging es denn auch in Bern nach dem minutenlangen Schlussapplaus weiter: Nach der Party ist vor der Party – Tanz für alle. 
 

Das Festival Steps dauert noch bis zum 28. März. Während der nächsten Wochen finden insgesamt 74 Vorstellungen mit 12 Produktionen in 37 Theatern in verschiedensten Regionen der Schweiz statt. Gezeigt wird ein breites Spektrum von Stilen von sowohl Newcomers wie Stars. Neben Shechter II, die noch in Basel, Zürich, Biel, Genf, Fribourg und Pully auftreten, sind u.a. Stücke von Sharon Eyal, Alexander Ekman und Rafaële Giovanola zu sehen. Ganzes Programm auf www.steps.ch

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