Zeitgenossenschaft
„Chronicles“ feiert das zehnjährige Bestehen des Hessischen Staatsballetts
GöteborgOperans Danskompani beim Festival Steps mit Arbeiten von Sharon Eyal und dem Duo Tiffany Tregarthen & David Raymond
Die Stadt Baden mit ihrem Kurtheater liegt gut 22 Kilometer nordwestlich von Zürich, zählt etwas über 20.000 Einwohnerinnen und ist – wie der Name sagt – unter anderem eine Bade-Stadt. Im geräumigen Theatersaal des Kurtheaters gastierte nun ein Juwel des internationalen Tanzschaffens: die GöteborgOperans Danskompani. Einer der Grundpfeiler des Schweizer STEPS-Festival ist, den Tanz zu den Menschen zu bringen, also auch in Orte weg von den Zentren. Die Tanzgemeinde stammte am Aufführungstag aus der Agglomeration oder reiste mit Bus und Zug von weither an.
Im vollbesetzten Kurtheater traf sich somit ein breit gemischtes Publikum mit großen Erwartungen – und erhielt einen vibrierenden Tanzabend vorgesetzt, der sich tief in die Herzen einschlich. Er beginnt mit „Spirit Willing“ des kanadischen Duos Tiffany Tregarthen und David Raymond. Das Stück versprach eine „Hommage an die menschliche Ausdauer“, das besondere Interesse: Wenn der Wille zum Handeln vorhanden ist, der Körper aber zögert. Die 14 Tanzenden benötigten dazu nicht lange: Stöhnte einer erst noch alleine am Boden, reißen ihn die anderen kurzerhand mit, bedrohlich erst, kann kämpferisch.
Work-out wie ein Gemälde
Mit grossen Sprüngen und Hebungen tanzen sie zu pulsierenden Perkussionsklängen. Ein raffiniertes Lichtspiel, das die Lichtquellen über die Bühne verteilt und von oben her Lichtkegel bildet, erzeugt Schattenspiele und lässt die Tänzer*innen oft im Gegenlicht erscheinen. In diesem Schummerlicht geben die Tanzenden das Äußerste, was mit ihrer Körperlichkeit in einer Art work-out möglich ist. Die Herzschläge sind hör- und spürbar wie in einem Gym. Hektische Szenen wechseln ab mit ruhigen Momenten, mal definieren sich die Tanzenden als extrovertiert, mal als introvertiert. In ihren herbstfarbenen Kostümen erwecken sie den Eindruck von expressionistischen, respektive impressionistischen Gemälden. Fliessende Übergänge und eine Vielfalt von Stilen schaffen einen beklemmenden Sog. Das tief heruntergefahrene Licht lässt die Tänzer noch grösser erscheinen, als sie wohl wirklich sind.
Bereits in diesem Stück zeigen die 16 Tänzer*innen der GöteborgsOperans Danskompani ein so hohes Niveau, dass man meint, dieses sei nicht zu toppen. Nach der Pause folgte das mit Spannung erwartete neue Stück „ima“ der in Frankreich lebenden israelischen Choreographin Sharon Eyals. 7 Tanzende wurden ausgewechselt und formierten sich zu einem 15-köpfigen Ensemble.
Trippeln auf Zehenspitzen
Auf die hämmernden Heart Beats von „Spirit Willing“ folgte ein immersives Herzflimmern, welches die Herzfrequenz beim Publikum nochmals beschleunigte. Das neueste Stück der mit grossen Kompanien arbeitenden israelischen Choreographin Sharon Eyals trägt den Titel „ima“, was Mutter auf hebräisch heisst. In den hautfarbenen Kostümen – entworfen von Maria Grazia Chiuri, Chefdesignerin von Dior – sehen die TänzerInnen beinahe nackt aus. Mit angewinkelten Gliedern und exaltierten Bewegungen zur Musikkomposition von Josef Laimon bilden sie anfangs eine eng aneinander geschmiedete Gruppe. 40 Minuten lang tanzen sie fast ausschliesslich auf Zehenspitzen! Sie trippeln und flattern monoton wie in Trance. Bei dieser choreografischen und tänzerischen Parforce-Leistung ist eine Assoziation mit Nijinskijs „Sacre du Printemps“ unvermeidlich.
Mit durchgebogenen Rücken und die Köpfe mal seitwärts, mal nach ganz oben oder hinten gebeugt, sind die Bewegungen schon fast zwanghaft und erinnern wie der „Sacre“ an ein archaisches, heidnisches Ritual, das sein, respektive seine Opfer sucht. Mit scharf gezeichneten Konturen bekommen die im Zentrum stehenden Frauen langsam ein Gesicht, während die anderen – Männer wie Frauen – mit ausdrucklos starrenden Augen und reglosen Mündern wie Masken wirken.
Aus „ima“ werden „Mamans“
Wenn im Programm von Präzision, Sinnlichkeit und Intensität der Arbeit von Sahron Eyal die Rede ist, ist dies nachvollziehbar. Selbst wenn es so wirkt, als geschehe wenig auf der Bühne, ist alles im Fluss und spannend. Es geht weiter und weiter, die Armen und Beine verschlingen sich und es entsteht ein Geflecht von Körpern. „Ima“ steht für die Mütter, die langsam Gestalt annehmen. Plötzlich sind alle „ima“. Eine weitere Assoziation drängt sich hier auf, nämlich an die „Mamans“, die Riesenspinnenskulpturen der Künstlerin Louise Bourgeois. Das Klammern, das Beschützen und gleichzeitig Dominieren von Müttern und auch ihr Leiden durchdringen das Stück.
Es zeugt von der aussergewöhnlichen Brillianz des Ensembles, dessen Signatur eine kompromisslose und bahnbrechende Arbeit verspricht, dass sie Sharon Eyals gewinnen konnten. Die Leiterin der GöteborgOperans Danskompani, die Isländerin Katrin Hall, ist selber auch als Choreografin tätig. So choreographierte sie unter anderem für die kolumbianische Sängerin Shakira den Videoclip zu deren Hit „Did it again“.
Mit diesem Doppelabend hat das Organisationsteam um die Leiterin des Festivals, Valeria Felder, nach dem Eröffnungsstück „IN THE BRAIN“ von Hofesh Shechter *) und vor einem Tag mit „Dances Like a Bomb“ des Junk Ensemble *) einen weiteren Toptreffer gelandet. Und ein möglichst breites Publikum für den Tanz begeistert.
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