Kunst der Verzauberung
Die Jubiläumsausgabe von Think Big!, dem Festival für junges Publikum in München, lädt zum Träumen ein und hält den Spiegel vor
Sehr schlicht geht es los – fast nüchtern, wenn man die Arbeiten des Choreografen Matteo Carvone kennt. Der Tänzer Cristian Cucco tritt aus dem Schatten, der den Großteil der Bühne im Schwere Reiter verschluckt, und schiebt einen Turm mit Leuchtstrahlern vor sich her. Bald blenden die Leuchten das Publikum, bald tauchen sie den Tänzer ins Licht. Das Objekt auf Rollen wechselt häufig den Ort, immer bewegt von Menschenkraft. Da der Titel des Soloabends „Icarus“ lautet, mag die Lichtquelle für die Sonne stehen, die dem Sohn des Dädalus die Flügel versengte, als er sich in der Flughöhe vertat. Die Federn seiner Flügel wurden von Wachs zusammengehalten und das ist bekanntlich nicht hitzeresistent. In der griechischen Mythologie und allen Erzählungen, die sich hier an ihr orientieren, gilt der tiefe Fall des Ikarus als Strafe der Götter oder des Schicksals für seinen unziemlichen Hoch- und Übermut – oder für Hybris des Menschen an sich.
Doch hier ist erst mal kein Gott in Sicht. Nur hellere und dunklere Raum-Areale, die Cucco zunächst sehr lässig besetzt. Schlichte Two- und Side-Steps wie zum Warmwerden verstecken anfangs fast sein tänzerisches Können, die lange Trainingshose und das schwarze Shirt seinen Körper. Doch langsam kommt Schwung und Schwingung in den Körper und die hängenden, sehr langen Arme. Cucco tanzt zwischen Licht und Publikum, hinter dem Licht versteckt oder es konfrontierend. Dann sonnt er sich darin oder – erweitert man die interpretatorische Perspektive – visiert ein größeres Ziel an. Vielleicht ein zu großes für einen kleinen Menschen?
Worin dieses Ziel bestehen könnte, bleibt hinter der Abstraktion verborgen: Streben nach wahrem Heldentum, unreflektierter Glaube an die Technik? In unterschiedlichen künstlerischen Ableitungen aus dem Ikarus-Narrativ alles schon mal da gewesen! Im Programm-Flyer stehen die Fragen: „Doch wer wird tanzen, wenn wir ausgestorben sind? Was wird von unseren Tänzen bleiben?“
EIn Spiel von Schatten und Licht
So dunkel und endzeitlich wirkt der knapp einstündige Abend aber gar nicht. Er mutiert in seiner Mitte vor allem zu einem Schaustück der Armverwirbelungen. Große Schleifen ziehen die Extremitäten in die Luft und in die Höhe und ziehen mit ihrem Schwung den Rest-Körper hinter sich her, reißen ihn herum oder pushen ihn zurück. Auch im Knien biegt es ihn nach hinten. In der Rückenlage bilden die Arme über ihm ein hypermobiles Gespinst. Man kann Pflanzen im Zeitraffer assoziieren oder Wellenbewegungen, die sich dem Flügelschlag annähern. Schließlich beschreibt der ganze, inzwischen nackte Oberkörper große Kreise. Da hat sich etwas verselbständigt, was nicht mehr ganz unter Kontrolle zu bringen ist.
Immer wieder verschwindet Cucco dazwischen in den Schatten. Dabei zunächst begleitet von verschiedenen Sounds, die aus mehreren Richtungen einander überlappend den akustischen Raum füllen (Sound: Camilla Metelka) Pochend hier, brummend dort, dann mischt sich eine melodischere Form der Minimal Music dazu. Rechts und links hängen jeweils mehrere Lautsprecher von der Decke. Eine große Box steht auf dem Boden und dient dem Tänzer auch als Podest für eine sich in Posen übende Skulptur eines Sitzenden, der Vorbilder aus der Bildenden Kunst zitiert.
Später bringt eine Stimme – oder sind es zwei? – ein Pusten und Zischen, Gesang und Wortsprache ins Spiel. „Heat me up“, „melting with the earth core“, „embracing the destructive” und andere mehr oder weniger bedeutungsschwangere Satzfetzen schwirren im Loop herum und verengen die Abstraktion.
Abflug ins Gold
Schließlich glitzert hinten, zwischen den schwarzen Vorhängen eine goldene Fläche auf. Ein fast lebendig wirkendes Gewebe in seinen oszillierenden Schattierungen und Miniaturbewegungen, das durch das Beiseitefahren der Vorhänge noch an Ausdehnung gewinnt, zu glühen beginnt und zum Schluss ganz aus bronzefarbenem Feuer zu bestehen scheint.
Irgendwo in seinen Falten verschwindet der Solo-Tänzer von der Bildfläche. Am Ziel oder darüber hinausgeschossen und verbrannt? Es wirkt nicht wie ein Ende, sondern wie eine Grenze, auf deren dem Blick verborgener Seite das Streben und Sich-bewegen weiter geht.
„Icarus“ ist ein schöner, auch noch ausreichend deutungsoffener kleiner Abend, der sich ruhig hier und da noch mehr Ruhe gönnen und Zeit hätte nehmen können, um ein vollends meditativer zu werden.
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