Im rechten Licht
Ein Fotoblog zu „Bodies of Light“ und „Close by, So far - Landscapes of Infinity“ von Isabelle Schad
Mit ihrem Stück „Hunter“ kreiert die Performance-Künstlerin Courtney May Robertson „ein Gewebe aus Bildern, in denen das Groteske, (sexuelle) Perversion und emotionale Exzesse zu triumphalen Symbolen für körperliche Autonomie und Empowerment werden.“ So die Ankündigung.
Zu ganz leisen Industrial-Tönen richtet die Performerin im Halbdunkel die Bühne her. Zieht einen Leuchter aus Kerzen hoch unter die Decke. Aus einem herumliegenden Bündel arrangiert sie eine Doppelgängerin. Hängt sie am Haken der Kuppel auf, putzt sie heraus, flicht ihr einen Zopf. Während die Klänge lauter und lauter werden, wiegt sie sich mit ihrem zweiten Körper. Wälzt sich mit ihm auf dem Boden. Kämpfen beide miteinander oder haben sie Sex? Irgendwann nimmt die eine die andere auf den Schoß. Wer ist wer, fragt man sich oft, denn man kann die beiden häufig nicht mehr unterscheiden.
Die Klänge sind unerträglich laut – und die Puppe widerspenstig. Sie scheint selbst aktiv zu werden. Wehrt sie sich? Initiiert sie aggressiven Sex? Wer ist oben? Wer liegt unten? Die Klänge wechseln, es wird heller. Die zwei lassen Schleim aus ihrem Mund in den anderen Mund rinnen. Sie spuckt, das Abbild spuckt. Wer besabbert wen? Ekel wird zum Stilmittel.
Mal wird es ganz dunkel, dann wieder heller. Würgegeräusch im Dunkel. Fingerspiele und Schmusen im Hellen. Immer grotesker werdende Szenen. Die Musik wechselt und steigert sich zu kaum noch erträglicher Lautstärke. Kämpfe beider im Stehen. Wilde Tänze über die ganze Bühne zu Strobolicht im künstlichen Nebel. Irgendwann fliegt die Puppe weit und hoch. Braust und wütet in der Luft. Befreit sich die Doppelgängerin? Oder ist sie überflüssig geworden?
Frau Dr. Frankenstein
Lange Zeit schmust die Performerin noch einmal mit ihrem Gegenüber. Verhätschelt es. Scheint es zu trösten. Wirkt nun wie Frau Dr. Frankenstein, die sich endlich um ihr missratenes Monster kümmert. Doch dann wird es in die Ecke geworfen, bleibt für den Rest des Stückes dort leblos am Boden liegen. Zu schroffen Elektronikklängen tanzt sich die Performerin die Seele aus dem Leib. Schreit. Windet sich. Hüpft erleichtert herum. Ihre Befreiung!?
Dunkelheit. Stille. Nun müsste sie folgerichtig nackt erscheinen, spüre ich als Betrachter – das tut sie auch und zündet Kerzen an.
Es sind spannende, bewegende Szenen, die Robertson mit ihrer eigenen perfekten Doppelgängerin auf die Bühne bringt. Mal arbeitet sie mit Ekel und Aggression, dann mit Zärtlichkeit und Begegnung. Es ist als schaue man in den Kopf der Performerin, in dem sie und ihr „Über-Ich“ miteinander ringen. Ein Pas de deux mit sich selbst, in dem es letztlich um Befreiung geht. Wir erleben extreme körperliche und emotionale Zustände, deren Bilder offen sind und vielfältige Assoziationen ermöglichen. Jedoch thematisch ist „Hunter“ überambitioniert: Stereotype Frauenbilder aus Filmgenres sollen umgedeutet werden – von Objekt und Opfer hin zu Selbstbestimmung.
Eine konkrete Selbstermächtigung bleibt Behauptung und ist nicht erkennbar – sie dient als Material dieser Performance. Die Bilder sind radikal genug. Befreiung zeigt sich, ein Ringen mit dem eigenen „Über-Ich“, doch sie wird nicht zu den angekündigten „triumphalen Symbolen“ von Autonomie und Empowerment.
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