„Mond“
Florentina Holzinger in ihrer ersten Kinorolle
Es steht wohl außer Frage, dass die August-Hitze in Italien noch mal ganz andere Ausmaße annimmt als in deutschen Gefilden. Wer Glück hat, war schon vor der großen Glut bei der Biennale in Venedig. Aber selbst angesichts unbarmherziger Temperaturen lohnt es sich, sich in die tatsächlich sehr lange Schlange vor dem österreichischen Pavillon einzureihen. Der kleine Aufsteller mit der Aufschrift „Wartezeit ab hier mindestens eine Stunde“ kann entmutigend wirken, aber nur im Fall leerer Taschen. Es empfiehlt sich in jedem Fall, eine gut gefüllte Wasserflasche und einen Kühle spendenden Fächer für den Besuch der Giardini und der Arsenale einzupacken.
Und die Wartezeit wird einem tatsächlich verkürzt. Einen Teil der Performance „Seaworld Venice“ kann man nämlich schon von der Wartschlange aus genießen: Immer zur vollen Stunde klettert eine der Stuntfrauen das Seil an einer riesigen Glocke hoch, die über dem Eingang zum Pavillon am Ausleger eines Kranautos hängt. Kopfüber wird sie zum lebenden Klöppel und bringt die Glocke zum Läuten. Warum im Anschluss ihre Hüften unversehrt wirken, weiß nur wer ganz nah dran steht und die Klöppel an ihrem Hüftgurt sehen kann. Wer Glück hat, ist genau um 12 Uhr mittags vor Ort zu sein, kann gleichzeitig noch die Kirchturmglocke der Chiesa di San Giuseppe di Castello in der Nähe hören. Und während man weiter geduldig wartet, kann man sich innerlich schon mal darauf vorbereiten, dass der Titel dieser Performance natürlich sarkastisch gemeint ist.
Überhaupt empfiehlt es sich, bereits am Vormittag ganz gezielt den österreichischen Pavillon anzusteuern, denn dann ist der Andrang noch nicht so hoch. Und noch ein Tipp: Die Performances sind nur mittwochs bis sonntags zu erleben.
Hat man dann endlich Zutritt zum Pavillon ergattern können, eröffnen sich links und rechts jeweils zwei offene Räume. Im rechten ist ein massiver Mast installiert, der als Wetterfahne durch das Dach des Gebäudes reicht und damit auch schon von außen sichtbar ist. Entlang dieses Mastes sind mehrere nackte Frauenfiguren installiert, bronzefarben, die den Mast hinauf- bzw. herabzuklettern scheinen. Ihre Farbgebung erinnert mit Sicherheit nicht aus Zufall an die europaweit verteilten „lebenden Statuen“ in Fußgängerzonen. Während sich der Mast ganz langsam dreht, performen daran tatsächlich zwei (manchmal auch drei oder vier) Frauen „zwischendrin“, gesichert in Gurten.
Da aber keine der Performances pausenlos läuft, bestaunt das Publikum auch die bloße Installation. Zur Freude Holzingers, wie sie bei einem Gespräch vor Ort im Juli amüsiert zugibt.
Der gegenüberliegende Raum ist in ein Wasserbassin verwandelt worden, auf dem eine Performerin, natürlich ebenfalls nackt, auf einem Jetski ihre Kreise dreht. Kleiner Hinweis: Sie legt dabei immer mehr an Geschwindigkeit zu, was die Wassermassen entsprechend in Bewegung bringt. Man sollte da nicht zu neugierig sein. Wer zu nah dran steht, wird ordentlich eingeweicht. Eine willkommene Erfrischung in der Hitze? Das ist relativ. Denn die zentrale Performance, im Innenhof des Pavillons, lässt dieses „Wasser“ in einem ganz anderen Licht erscheinen.
Zentral platziert, auf einem hohen Gestell, steht ein großer Glaskubus, randvoll mit Wasser, in dem eine Performerin mit Sauerstoffmaske sitzt. Oder steht. Oder liegt. Neben einem Beutel mit einer Getränkeflüssigkeit hat sie für sich nämlich einen Klappstuhl zur Verfügung. Und ein aus der Rückwand ausklappbares weißes Bett, schneeweiße Decke und Kissen inklusive. Und diese Spielereien zur Verkürzung der Zeit sind ihr mutmaßlich mehr als nur willkommen. Laut Holzinger verbringen ihre Stuntfrauen zwischen vier und acht Stunden in diesem Bottich.
„Gespeist“ wird der Tank durch zwei links und rechts daneben platzierten Plastiktoilettenhäuschen. Dort einen eigenen „Beitrag“ abzuliefern werden die Besucher immer wieder gebeten. Dazu wuseln die Performerinnen in Klofrauen-Outfit mit hässlicher Schürze, Kopftuch, Gummihandschuhen, Feudel und Mob umher, auch Holzinger selbst.
Der Clou: Dank einer Technik, die angeblich auch die Nasa verwendet, wird der von den Besuchern gespendete Urin aufbereitet und in den Tank gelenkt. Ja, auch das Wasserbecken für den Jetski ist mit den Überbleibseln menschlicher Ausscheidungen gefüllt. So zumindest die offizielle Erzählung. Und überall schön Technik und Rohrleitungen. Und bisschen merkwürdig riecht das auch, muss man sagen. Aber ob das den Tatsachen entspricht, ist offen. Bei allem „Provokationspotenzial“ ist das vor allem eins: unterhaltsam.
Alle sind eingeladen, „Teil dieses wunderbaren Zyklus“ zu werden, der für seine Arbeit ganze 40 Minuten braucht, wie Holzinger im Gespräch erklärt: „Bis ihr selbst Teil des Kunstwerks seid!“ Das englische „Let go!“ hat tatsächlich einen angenehm spiritistischen Anklang. Ganz im Gegensatz zum Deutschen „Lass laufen!“. Welch „erleichternder“ Gedanke. Die saubersten Toiletten auf der ganzen Biennale seien das. Immerhin. Gut riechen tut das trotzdem nicht.
Was außer amüsiertem Schmunzeln löst das eigentlich bei den Besucher*innen aus? Kommen tatsächlich Leute dorthin und kritisieren das Ganze dann? Holzinger meint, dass das durchaus der Fall sei, aber sie und ihr Team nutzten die Gelegenheit, mit den Grantlern ins Gespräch zu gehen. Und ja, Grantler sind es, denn wie Holzinger betont, seien es tatsächlich in allerster Linie ihre Landsmannen (und -manninnen), die sich über die Pipi-Performance echauffierten. Holzinger winkt da lapidar ab: „Die Österreicher, die können sich nirgendwo wohlfühlen.“
Die Performances laufen jedes Mal unterschiedlich ab, sodass es sich tatsächlich lohnen kann, mehrmals an einem Tag vorbei zuschauen. Wenn man Glück hat, entdeckt man dann in einem weiteren Raum sogar noch eine Performance.
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