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Florentina Holzinger gestaltet mit „Seaworld Venice“ den österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig
Wasser, überall Wasser. Florentina Holzinger hat den österreichischen Pavillon zur 61. Biennale di Venezia buchstäblich unter Wasser gesetzt. Drinnen fährt eine Performerin auf einem Jetski ihre Runden, eine andere Performerin taucht in einem Wasserbassin, ähnlich wie bei „Ophelia's Got Talent“, nur dass dieser via Osmose mit Urinabscheidungen der Besucher*innen befüllt wird, und jede Stunde schlägt eine menschliche Glocke.
Dass eine Künstlerin aus dem Performance-Bereich einen ganzen Pavillon gestaltet, hat Seltenheitswert. Allerdings ist Holzinger neben Elfriede Jelinek wahrscheinlich tatsächlich die prominenteste Österreicherin im Kulturbetrieb, und ihre Arbeiten garantieren immer ein großes Aufsehen. Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler erklärte denn auch zur Eröffnung: „Die Aufgabe der Politik ist nicht, Kunst zu zähmen. Die Aufgabe der Politik ist es, ihre Freiheit zu schützen – gerade dann, wenn sie unbequem wird. Mit seiner Teilnahme an der Biennale bekräftigt Österreich: Wir nehmen Kunst ernst. Und wir nehmen ihre Freiheit ernst.“ Und Holzinger weiß diese Freiheit zu nutzen. Dem Österreichischen Rundfunk hatte sie erklärt: „Ich denke schon, dass es eine hirnrissige Idee ist, den Pavillon über sieben Monate zu bespielen“, nur um es dann mit 15 Performerinnen trotzdem zu machen.
Was passiert da eigentlich?
Die Eröffnungs-Étude dient als Auftaktritual. Eine aus der Lagune geborgene und in einer Prozession zum Pavillon getragene Glocke eröffnet den österreichischen Pavillon und ragt nun über den Eingangsbereich: Ein Zeichen des Sakralen, ein Symbol des Vergehens der Zeit, ein Ruf zur Versammlung, ein Warnsignal. Die rhythmische, verkörperte Beständigkeit einer den Klöppel ersetzenden Performer*in läutet jede Stunde die erschöpften Strukturen patriarchaler Geschichte und religiöser Autorität aus. Zum Start steigt Holzinger selbst in die Glocke und reinszeniert damit zudem einen Teil aus ihrem Stück „Sancta“, in dem auch Performerinnen als Klöppel zum Einsatz kamen.
Im gefluteten Pavillon macht ein Jet Ski seine Runden als Monument für die ökologische Katastrophe, die vom Massentourismus angetrieben wird und nach wie vor mit der sinkenden Stadt kollidiert. Manchmal verwandelt sich die Starrheit des Jet Skis in Strudel und Wellen: ein absurdes Bild einer eingeschlossenen Natur und des menschlichen Wunsches, sie zu kontrollieren – ein Spiel mit Holzingers fortdauernder Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Körper und Maschine.
Gegenüber durchbohrt eine riesige Wetterfahne die Architektur. In der Vergangenheit wurde diese zur Wettervorhersage benutzt und war oft mit Figuren geschmückt auf Kirchen angebracht. Die statischen Denkmäler der Vergangenheit werden hier durch eine rotierende, weiblich angeführte Kreuzabnahme ersetzt und wird zum drehenden Monument für die Stärke des Kollektivs. Während die Figuren sich im wechselnden Wind drehen, stellt die Arbeit eine radikale Abwendung vom Status quo dar als Vorzeichen für einen rebellischen Kurs einer sich wandelnden Gesellschaft.
Im hinteren Bereich des Pavillons geht die Verheißung des Fortschritts in einer frankensteinesken Dystopie weiter. Roboterhunde, die Holzinger auch schon in „A Year without summer“ auf die Bühne brachte, bewegen sich hinter Glas durch stetig ansteigendes Wasser und fungieren als mechanische Wachhunde für einen zentralen Opferaltar: ein großes, von Toiletten flankiertes Aquarium. Im Innenhof lebt eine Performer*in während der gesamten Biennale-Dauer in einem Wassertank, der sich mit dem Urin der Besucher*innen füllt. Dieses Closed-Loop-Recyclingsystem dient als unmittelbare Reflexion einer globalen Ordnung, in der gefährdete Bevölkerungsgruppen und ganze Nationen zu den Mülleimern der Mächtigen werden. In diesem Reservoir streift die Performer*in die vererbte Romantik von Giorgiones „Schlafender Venus“ von 1510 ab – der erste liegende Akt der Kunstgeschichte, in Venedig gemalt. Sie ist nicht mehr die stille, auf Samt ausgebreitete Muse, sondern eine Überlebende, die aus den Trümmern einer in Urin aufgelösten Zivilisation herausstarrt. In einer Stadt, in der Massentourismus auf ökologische Fragilität prallt, ist die Vorstellung von Schönheit von dem Abfall, den sie produziert, nicht zu trennen.
Mehr als Venedig
„Seaworld Venice“ ist vom 9. Mai bis zum 22. November 2026 zu sehen. Neben der Eröffnungs-Étude in Venedig gestaltet Holzinger weitere solcher Interventionen etwa bei den Wiener Festwochen, in der Nitsch Foundation, im Kunsthaus Bregenz, bei TRANSART – Festival for Contemporary Cultures in Bozen sowie in der Hartwig Art Foundation in Amsterdam. Wer es nicht nach Venedig schafft, hat zudem die Möglichkeit angepasste Versionen von „Seaworld Venice“ im März 2027 im Gropius Bau in Berlin und im Juni 2027 in der Kunsthalle Wien zu erleben. Für 2028 ist zudem eine Präsentation bei Amant in New York anvisiert. Das ist doch mal was!
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