„Bedroom Folk“ von Sharon Eyal

Nah beieinander

„Eyal/Goecke“ eröffnet die Tanzsaison am Ballett Basel

In „Le Sacre du Printemps“ darf das Basler Publikum seinen Ballettdirektor mit einem sehr persönlichen Stück kennenlernen und eine Kompanie bewundern, die zweimal bei aller Strenge in der Form größte Individualität und Durchlässigkeit durchscheinen lässt.

Basel, 12/09/2026

Es ist eine Premiere fürs Ballett Basel, nicht aber für die Choreografien. Zwei erfolgreich gespielte Stücke eröffnen die Ballettspielzeit hier mit einer Kombi, die quasi ein Patentrezept ist. 

Das Ballett, das gerade bei der tanznetz Umfrage zur letzten Spielzeit als Kompanie nach nur einer Saison einen zweiten Platz erhielt, setzt zunächst mit einer Schweizer Erstaufführung auf Sharon Eyal, die längst zum Weltstar avanciert ist. 

Eyal hat es sich nicht nehmen lassen und war nach der Einstudierung durch Léo Lérus persönlich vor Ort und hat ihrem „Bedroom Folk“, das sie 2015 fürs NDT 1 choreografierte, in Basel den Feinschliff gegeben. Das Ding sitzt wahrlich bei den acht phantastischen Tänzer*innen. Wir erleben wenig „Bedroom“, dafür aber cooles „Folk“: vier Frauen in schwarzen Trikots und vier Männer mit halbnackten Oberkörpern in schwarzen Hosen. 

Eine nackte Bühne, der Hintergrund ist orange beleuchtet (Alon Cohen). „Bedroom Folk“ funktioniert im klassischen Sharon Eyal Stil, der aus dem Gaga Training kommt und mit balletthaften Fußbewegungen en dehor in der Fußarbeit kombiniert wird. Wir sehen viel symmetrische Reihenchoreografie der Gruppe, die sich dazwischen immer wieder in einem Haufen eng sammelt, und dann wiederholt das Ausscheren bzw. Ausbrechen einzelner, dann mehrerer Tänzer*innen in Pas de Deux, Pas de Trois und Minigruppe. Die Beine sind gebeugt, der Oberkörper gekrümmt, angewinkelte Arme werden wie zum Schutz vor dem Körper gehalten. Wie (fast) immer trägt auch hier der wummernd-pulsierende Elektro-Sound von Ori Lichtik dieses Kurzballett fast wie eine Symphonie. Ein Leuchter von oben fokussiert in einem Spot die dicht aneinander gerückte Truppe. Gegen Ende verschwindet das orangene Hintergrundlicht und die Tänzer*innen werden mit matt orangenem Licht beleuchtet bis sie abrupt verschwinden. Sehr stark! 

Kollektive Angst

Man hätte das Basler Publikum wahrscheinlich mit so gut wie jeder Eyal -Kreation begeistern können, doch ästhetisch ist „Bedroom Folks“ mit seinen sichtbaren Ballettbezügen und in der Schwarz-Ästhetik ein dramaturgisch gewiefter Einstieg zu Marco Goeckes „Le Sacre du Printemps“. Goecke nutzt ebenfalls schwarze Hosen und nackte Oberkörper bei den Männern, aber schwarze Korsagen bei den Frauen. Ein zentral herabgelassenes Licht setzt auch hier einen Fokus. Eine Wucht ist schon mal die Live-Musik, speziell auf Goeckes Tempo angepasst und gespielt vom Sinfonieorchester Basel. Ein zweites Mal Überwältigungsmusik im besten Sinne. 

Die 17 Tänzer*innen drehen, schrauben und schieben ihre Arme und Oberkörper, wie Eyal in „Bedroom Folk“ die Beine verdrehen und verschieben lässt. Wie Eyal verzichtet auch Goecke auf eine Narration, lässt das ursprüngliche Opferritual der Komposition sausen und baut sich sein eigenes Ding. Zunächst ebenfalls abstrakt, lässt er dennoch in seinen irrwitzigen Bewegungen und Begegnungen bei sich kontinuierlich steigernder Musik tief blicken. Nicht nur das Verhältnis Individuum und Gruppe und die Disruptionen innerhalb dieser werden thematisiert. 

In die unterschiedlichen Konstellationen der 17 Tänzer*innen mit zeitweisem leisen untergründigen Spracheinsatz („Maman, J’ai peur“) schieben sich die Themen Dunkelheit, Einsamkeit, Verlorenheit und Angst – Themen, die den Choreografen schon sein Leben lang begleiten. Diabolische Figuren und düstere Wesen wie ein Nachtkrapp, mit dem Kindern früher Angst gemacht wurde (hier eine Art schwarzer Rabe, der Federn lässt), stehen neben ängstlich verschreckten Personen in verzweifelten Verrenkungen, die an Francis Bacons düstere und verdrehte Menschendarstellungen erinnern. Am Ende bedecken immer mehr schwarze Federn den Bühnenboden und bewegen sich zeitweise wie Mäuse über die Fläche. Spätestens hier ist aus der individuellen Angst eine kollektive geworden. 

Dieses meisterhaft choreografierte Alptraumszenario macht „Sacre“ wahrscheinlich zu Goeckes persönlichstem Stück und rechtfertigt die zeitnahe Wiederaufnahme der letztes Jahr fürs Gärtnerplatztheater in München geschaffenen Choreografie. Die tief in seine Kindheit zurückgehenden Themen begründen vielleicht auch, dass Goeckes nächste große Uraufführung am 27. November das Kinder- und Familienstück „Mio, mein Mio“ sein wird. Zuvor wird er am 16. Oktober in seiner Reihe „Dark Matter II“ noch eine Uraufführung zu seinen Klassikern beisteuern, „mit der Marco Goecke seine Geschichte gemeinsam mit dem Ballett Basel fortschreibt“. Wir sollten gespannt sein. 

 

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