Zwei Knochenjobs
Manuel Roque bei der euro-scene Leipzig
Das Festival eröffnet mit einer Uraufführung. Manuel Roque zeigt in der Diskothek „Sweet Rodeo“ ein Duett mit Nils Levazeux. Im letzten Jahr war Roque bereits mit „Bang Bang“ und „La vent se léve“ in Leipzig zu Gast, was Festivalleiter Christian Watty so überzeugt hat, dass er in diesem Jahr als Koproduzent eingesprungen ist und sich so eine Welturaufführung sichert. Nicht der dümmste Move. Roque und Levazeux setzen mit „Sweet Rodeo“ genau da an, wo sie mit „Bang Bang“ aufgehört haben, mit perfekter Synchronität im Raum bei beinahe unmerklicher Permutation von Bewegungen, die über die Dauer von 45 Minuten eine Art tranceartigen Sog entwickeln.
Doch diesmal wirkt alles leichter, geht weniger über Kraft und Verausgabung, sondern fügt sich geradezu sanft ineinander. Zunächst trippeln sie wie zwei Zirkuspferde am jeweiligen Bühnenrand einander gegenüberstehend auf der Stelle, doch bald schon fangen sie an den Raum zu erobern. Sie trippeln, sie kreiseln, so manche Tierpose scheint für diesen Bewegungsstrom Pate gestanden zu haben. Doch dann irgendwann ist es vorbei mit dem reinen Belauern und sie treten in tänzerisch direkte Konfrontation mit Bewegungen, die wiederum Gesellschaftstänzen entnommen worden zu sein. Dazu gibt es dunkel dröhnede elektrische Musik, die so gar nicht zu diesem beschwingten gemeinsamen Tanz zu passen scheint, aber die das Sogartige dieser Performance nur noch verstärkt. Gebannt lässt sich das Publikum vom Duo Roque/ Levazeux in diese Welt der puren Bewegung entführen, in dieses Faszinosum der Synchronität, die in all dieser Zeit nicht einmal abbricht, sich nicht einmal verstolpert. Faszinierend.
Zwischen Bach und Tuschezeichnungen
Auf der großen Bühne eröffnet dann Marie Chouinard, die Grand Dame der Quebecer Tanzszene, den festlichen Teil. Bachs „Magnificat“ geschrieben in Leipzig und als Musikstück auch in der hiesigen Thomaskirche uraufgeführt kehrt hier an seinen Geburtsort zurück. Chouinard, die mit diesem neuen Stück gerade durch Europa tourt, scheint das dem Werk inne wohnende christliche Moment allerdings kaum ernst nehmen zu wollen. Die in nackten Oberkörpern tanzenden Tänzerinnen und Tänzer, bekleidet mit seltsamen Hauben, die an Nonnenhabit erinnern, schlagen sich arg ironisch in die Arien und Tremolos. Offenbar geschult im klassischen Ballett aber dessen Perfektionsgier ablehnend, dafür aber die große Pose gerne persiflierend, tanzen sie sich durch den Abend. Aktive Unterspanntheit und demonstrative Naivität gegenüber den Stoff schaffen so einen erfrischenden Zugang, der auch das bei Bach durchaus kenntnisreiche Leipziger Publikum überzeugt.
Der zweite Teil des Abends gehört einem Klassiker der Company und da Chouinard noch nie in Leipzig aufgetreten ist, passt auch das ins Konzept. Gezeigt wird „Henri Michaux: Mouvements“. Das Stück von 2011 basiert auf dem Buch „Mouvements“ des französischsprachigen Dichters und Malers Henri Michaux von 1951, in dem neben einem Gedicht auch 64 Tuschezeichnungen zu Bewegungen enthalten sind. In schwarzen Ganzkörperanzügen übersetzen die Tänzer*innen diese Bilder (und auch das Gedicht) in Bewegungen, die übergroß an die Rückwand projiziert werden. Eine künstlerische Übersetzung, die Tanz wie Bild gleichermaßen bereichtert, zumal aus den Einzelposen im Laufe der Zeit Tableaus werden. Eine Tänzerin krabblet schließlich unter den weißen Tanzboden und trägt unter der Folie das Gedicht vor, während oben weiter munter der Bilderreigen vorgetragen wird. Höhepunkt ist eine Szene im Strobospot, wenn zu donnernden Beats, die getanzten Figuren auf das Publikum hinunterprasseln, als gäbe es kein Morgen.
Africanfuturism aus Kanada
Ganz dem Morgen zugewandt ist „NKUL NNAM“ von Athena Lucie Assamba zusammen mit dem Musiker Elli Miller-Maboungou in der Spielstätte naTo. Sie tanzt in einem roten Plastik-Baströckchen und einer seltsamen Brille zu den mitunter digital verzerrten Bongo-Beats ihres Musikerkollegen. Das montone Stampfen afrikanischer Rituale erinnert unwillkürlich an Ausdrucksformen so mancher westlicher elektronischer Musik und Clubkultur. Allerdings ohne den weißen Staub im Gesicht oder eine Jacke aus Bananenblättern. Aus diesem rituellen Partymoment entwickelt sich ein politischer Aktionsaufruf nach „Africanfuturism“. Doch bei aller Intensität, auf das Leipziger Publikum springt der Funke so recht nicht über, vielleicht auch, weil dieses Format wenig abwechslungsreich daherkommt und zu stark auf Wucht und zu wenig auf dramaturgischen Rhythmus setzt. So verpufft der Abend unmerklich und seine ganze Wut und Energie versickert in den dunklen Beats und dem flackernden bunten Licht.
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