Gewalt des Anfangs
„What is War“ und „Rinse“ beim Tanzfestival Rhein-Main
Während draußen in Wiesbaden die Halloween-Nacht ihren Lauf nimmt, serviert drinnen im Hessischen Staatstheater die kanadische Choreografin Marie Chouinard Glanz und Grusel. Sie bespielt seit Jahrzehnten die Bühnen der Welt – erst als Solo-Künstlerin, seit 1990 mit eigener Compagnie. Längst hat sich die Ausnahme-Künstlerin vielfältig weiterentwickelt: von Zeichnungen, Fotografie und Film zu App-Design oder Virtual Reality. Und doch zeigt dieses Gastspiel, das zwei im Abstand von mehr als 30 Jahren entstandene Stücke vereint, wie sehr sie ihren Themen und ihrer speziellen Handschrift treu geblieben ist.
Als „Rausschmeißer“ – Publikumsjubel garantiert – fungiert die 1993 entstandene Interpretation von Strawinskys „Frühlingsopfer“. In ihrer Version von „The Rite of Spring“, längst ein internationaler Klassiker im zeitgenössischen Tanz, verzichtet Marie Chouinard auf ein Narrativ. Stattdessen verlässt sie sich auf die Energie der Körper ihrer elf Tänzer*innen, die von der Musik immer schneller, weiter und höher angetrieben werden – in einer Tanzsprache, die klassisches Ballett mit maximaler Durchlässigkeit der Körper verbindet. Dabei gleitet die Szene fast unmerklich in einen archaischen Bedeutungsraum, bevölkert von Fabelwesen. Dramatisch verlängerte spitze Klauen an Händen und Körpern spielen auch auf den Kontext bedrohlicher Sexualität an. Aber bei Chouinard endet das Finale nicht in der Katastrophe, sondern in gemeinschaftlicher Rückkehr aus dem Reich der betörenden dunklen Magie.
Ermächtigung der Schwachen
Bachs „Magnifikat“ hat längst kulturellen Kultstatus; sogar Freddie Mercury spielt in „Bohemian Rhapsody“ auf die Kantate an. Auch der Inhalt des lateinischen Lobgesangs der Maria hat es in sich: Friedrich Bonnhoeffer charakterisierte ihn als „revolutionär“. Der Text beschreibt die radikale Ermächtigung der Schwachen hin zu einer Welt, die nicht mehr von Kampf und Unterdrückung geprägt ist. Es sind natürlich die Frauen, die in Chouinards Choreografie „Manificat“ (2025) den Spieß umdrehen. Auf demonstrativ nicht-aggressive Weise nehmen sie die Männer halt mal bei der Hand und zeigen ihnen freundlich, wo es langgeht.
Mit Spitzenschuhen hat die Kanadierin in ihrem legendären Stück „bODY_rEMIX/gOLDBERG_variations“ (2005) maximal abgerechnet; nicht nur die Groß- und Kleinschreibung wird darin radikal ins Gegenteil verkehrt. Am Gastspielabend wird also barfuß oder auf Socken („Magnificat“) getanzt. Nur einmal kommt ein Spitzenschuh zum Einsatz, wenn er einer Tänzerin erlaubt, endlich auf wörtlich genommener Augenhöhe mit ihrem baumlangen Gegenüber verständlich zu kommunizieren.
Ein Hauch Selbstironie
Höchste Zeit, die elf Ausnahme-Tänzer*innen mit ausnahmslos solistischen Qualitäten zu würdigen. Beide Stücke entwickeln sich aus intensiven Soli, Duetten und Trios hin zu großformatigen Gruppenszenen. Chouinards hoch anspruchsvolle und längst mit einem eigenen Trainingsprogramm untermauerte Bewegungssprache ist im jüngsten Stück noch deutlich ballettnah, wenn auch lässiger geworden. Sobald allerdings bei Bach die Trompeten zu großem Barock-Kino ausholen, wird auch auf der Bühne maximal gedreht und gesprungen. Ein Hauch Selbstironie in Sachen kultureller Affirmation ist dabei, wenn die Choreografin für Bühnenbild und Beleuchtung das sattsam bekannte Setting der weißen Operafolie (durchscheinend oder als Projektionsfläche) nutzt. Buntstift- bis bonbonfarbenes Licht wechselt in rascher Folge; der Kontrast zu den fast nackten Körpern könnte nicht größer sein.
Bloße Oberkörper sind schon fast ein Markenzeichen der Choreografin, die es dennoch schafft, die Tänzer*innen in hautfarbenen Slips und Knieschonern so geschlechtsneutral wie nur möglich wirken zu lassen. Hier geht es um mehr als das Gelingen von Paar-Bildung oder das Verhältnis Einzelner zur Gemeinschaft. Hier geht es um Spiritualität. Tellerförmige Heiligenscheine weisen den Weg nach oben, helle Schminke macht die Gesichter austauschbar. In großer Klarheit übernimmt die Choreografin am Ende das Strahlen der Musik: Es kann alles anders, es kann alles gut werden. Die frohe Botschaft kam beim Wiesbadener Publikum gut an. Der große Jubel blieb allerdings „The Rite of Spring“ vorbehalten.
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