„Glitsch“ von Doris Uhlich: Katharina Bach, Erwin Aljukić

Schleim mit mir!

Doris Uhlichs „Glitsch“ an den Münchner Kammerspielen

Doris Uhlich packt mal wieder den Schleim aus und lässt es so richtig flutschen. Das Hinterfragen normierter Körperbilder wird zur rasanten Rutschpartie im zuvor angerührten Glibber.

München, 30/04/2026

Ein Hoch auf jede Norm, die keine mehr sein muss. In Empfang genommen wird das Publikum von einer selbstbewusst auftretenden Ann Muller, deren schlanker Körper zu Beginn noch in einem Trikot aus hautfarbenen Bandagen steckt (Kostüme: Yannik Zamboni/ maison blanche). Auf ihrem Kopf ragt – optisch angelehnt an die schwarzen Bärenfellmützen britischer Gardesoldaten – ein weißhaariges, leicht buckeliges Turmgebilde empor. Diese Kreatur ist weder süß noch löst sie Furcht aus. Angesiedelt in einem Dazwischen entzieht sie sich jeglichem Schubladendenken, weil simples Kategorisieren hier nicht greift.

Zierlich dagegen fällt der zum braunen Pferdeschwanz zusammengefasste Kopfputz von Erwin Aljukić aus, den man – ansonsten splitternackt – entspannt auf der Bühne liegend entdeckt. Sein Rollstuhl, der später mehrfach zweckentfremdet in die gemeinschaftlichen, nie ganz oder lange statischen Körperskulpturen der insgesamt sechs Performerinnen und Performer integriert wird, steht noch weit entfernt. Martin Weigel hingegen trägt hinter einem fahrbaren Gestell, in dem Eimer stecken, schlicht die eigene Körperbehaarung zur Schau.

Bei Katharina Bach und der aus Wien mit dazu engagierten Künstlerin Ann Muller, die als Performerin seit mittlerweile sieben Jahren eng mit Doris Uhlich zusammenarbeitet, fällt darstellerisch die hin und wieder aufgesetzte punkige Haarpracht ins Gewicht. Damit unterstreichen die beiden Frauen ihr impulsives, solistisch eigenwilliges Auftreten in einer fluiden Inszenierung, die keinen Text oder verbale Kommunikation braucht. „Glitsch“ konzentriert sich völlig auf die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten morphologisch unterschiedlicher Körper und Temperamente im ausgelassenen Zusammenspiel mit einer erklecklichen Menge zähflüssigen Materials.

Bääääh, Schleim!  - Von wegen

„Körper, Körper, Körper“, „bähhh“ und „Schleim“ sind denn auch die wenigen verständlichen Worte eines direkt an das Publikum gerichteten Monologs, die Dennis Fell-Hernandez in wahnwitzigem Kauderwelsch-Tempo aus dem Mund purzeln. Dabei steht er, ein Mikro in der Hand, keine Sekunde still.

Große Batzen schnodderfarbigen Schleims, der auch schon in „Gootopia zum Einsatz kam, sind dabei der szenische Coup in Uhlichs neuem Tanztheaterstück, das zu Recht den Untertitel „Alles im Fluss“ hat. Die teigig-wabbelige Substanz wird geknetet und vermag sogar – von vielen Händen zur Pfütze am Boden ausgebreitet –, riesige Blasen zu bilden. Auch mit den Füßen lässt sich darin wühlen. Und wenn sich die Protagonist*innen die gallertartige Masse über den Kopf kippen, hüllt sie der langsam an ihnen herunterfließende Schleim ein wie eine zweite durchscheinende Haut.

Reste der trägen Masse bleiben an den Interpret*innen haften, das führt zu neuen Ideen. Im wilderen zweiten Teil gleiten sie bäuchlings unter Brücken aus Armen, Beinen und Rücken der anderen hindurchzugleiten oder pressen sich gar durch einen Tunnel aus ineinander verschlungenen Leibern. Was für eine herrlich kindische Sauerei, verknüpft mit der motorischen Suche nach dem Gefühl, neu geboren zu werden. Wummernde Beats lösen bei allen ein Zucken, Ruckeln und Vibrieren von den Zehen bis in die Fingerspitzen aus. Als das Aus-Sich-Herausgehen schon höllisch wild ist, gelingt es, die körperliche Entgrenzung dank Einsatz von Wasser noch weiter auf die Spitze zu treiben. Letztlich gibt das allerdings dynamisch mehr her als inhaltlich. Nah dran an den Zuschauenden entfaltet sich im Verlauf des 80-minütigen Stücks allmählich eine Art Schönheit innerer Leichtigkeit, schamfrei bewegter Freiheit, behutsamer Gegenseitigkeit und des rücksichtsvollen kollektiven Zusammenhalts.

Zärtlichkeiten der Glibberwelt

Spaciger Sound füllt akustisch blubbernd schon zu Beginn den Raum (DJ/Sound: Boris Kopeinig). Sachte, nach einem räuspernden Bellen und auf allen Vieren findet ein erstes behutsames Sich-Begegnen statt. Kunsthaar wird an Kunsthaar gehalten. Elias Krischke sorgt für eine Lachnummer, als er gegen Ende den glitschig-nassen Untergrund auf Skiern durchquert. Zuvor schon war er im Adamskostüm von der Publikumstribüne auf die Bühne hinunter getrabt. Bald trägt man sich fast zärtlich umher oder nimmt zu zweit und zu dritt hautengen Kontakt miteinander auf. Die Musik wird lauter. Krischke verschwindet und taucht in einem Fatsuit rundlich wie eine Kartoffel mit Knollengesicht wieder auf, was ihn nicht an einem beschwingten Tänzchen in ballettöser Manier durch das schlichte Ambiente dieser als Ausstattung getarnten Installation hindert.

Tatsächlich hat Juliette Collas ein Mobile-Monstrum erschaffen. Es baumelt von der Decke herab und entfaltet eine stark triefende Bildhaftigkeit. Das Geheimnis der mechanisch fein getakteten und in stillen Momenten sehr lautmalerisch hinab plumpsenden Mitwirkung verbirgt sich hinter Stangen und Siebbehältern, durch die mittels Flaschenzug nach oben transportierte Schleimklumpen gen Boden rinnen wie weichgekochte Spaghetti. Erst an einer Stelle, dann an vielen. Willkommen in einer lustvoll-entfesselten, rotzig-schönen wie inklusiven Glibberwelt, die den Intellekt zum Schweigen bringt. 

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