„The dog days are over 2.0“ von Jan Martens

Shut up and dance!

„The dog days are over 2.0“ von Jan Martens bei der Sommerszene Salzburg

Völlige Verausgabung, die das Publikum rhythmisch mitreißt. Sind am Ende die Hundstage vorbei?

Salzburg, 15/06/2026

Von Mark Hebell

 

Der hell erleuchtete Zuschauerraum füllt sich zur ausverkauften Österreichpremiere. Die vier Tänzer (Jim Buskens, Simon Lelièvre, Dan Mussett, Pierre Adrien Touret) und vier Tänzerinnen (Camilla Bündel, Florence Lenon, Elisha Mercelina, Maisie Woodford) stehen im hinteren Teil der Bühne und wärmen sich auf – Dehnübungen, Liegestütze, kurze Sporthose und Leggings, die Tänzerinnen in körperbetonten Oberteilen, die Tänzer mit nacktem Oberkörper. Am vorderen Bühnenrand stehen acht Paar Sneakers, bilden eine Grenze zwischen dem Raum der Tänzer*innen und dem Raum der Zuschauer*innen – eine Grenze, die im Lauf des Abends auf unterschiedliche Weise durchbrochen werden wird.

Unvermittelt setzen sich die Tänzer*innen in Bewegung, marschieren nach vorn, wo sie ihre Schuhe anziehen, um dann in einer Reihe wie zum Appell Aufstellung zu nehmen. Keine Verdunkelung hat den Beginn der Performance angekündigt, keine Grenze gezogen zwischen einem Vorher und dem Jetzt.

Die Tänzer*innen beginnen mit einem leichten, kaum wahrnehmbaren Federn in den Knien, das sich zu kleinen Sprungbewegungen entwickelt. In der nächsten Stunde werden diese sich ständig wiederholenden, gegen die Schwerkraft ankämpfenden Bewegungen nicht mehr aufhören, während sich die Tänzer*innen mit militärischer Präzision in exakten Bildern und Formationen, deren strenge Geometrie bis in die symmetrische Aufstellung männlicher und weiblicher Körper ausgearbeitet ist, über die Bühne bewegen. 

Hypnotische Kraft

Dabei entfaltet „The dog days are over 2.0“ eine hypnotische Kraft, die die Zuschauer*innen in ihren Bann zieht, sie durch die unendliche Wiederholung immer gleicher Bewegungen jedes Zeitgefühl verlieren lässt. Einzig die lauter werdenden Atemgeräusche der Tänzer*innen, die nassglänzenden Oberkörper und die größer werdenden Schweißflecken weisen auf das Vergehen der Zeit hin. Gleichzeitig kann sich das Publikum dem sich ständig wiederholenden Rhythmus der Choreografie nicht entziehen: Köpfe nicken im Takt, Oberkörper wiegen sich, Finger klopfen den Rhythmus der Tänzer*innen auf dem Oberschenkel.

Dann stehen die Tänzer*innen nebeneinander aufgereiht im vorderen Teil der Bühne, es herrscht Stille, nur ihre Atemgeräusche sind zu hören. Der „Bravo!“-Ruf eines Tänzers provoziert unsicheren Applaus der Zuschauer. Wieder ist die Grenze durchbrochen ...

Die Choreografie aber ist noch nicht an ihrem Ende, die Tänzer*innen beginnen, sich erneut zu bewegen, jetzt aber freier, spielerischer. Die strengen Formationen lösen sich auf, es entsteht Raum für Improvisationen, die an klassisches Ballett, Marionettenspieler*innen oder Fechtkämpfer*innen denken lassen. Dennoch bleibt der Eindruck militärischen Drills erhalten, unterstrichen durch die harten Übungskommandos, die sich die Tänzer*innen gegenseitig zurufen, durch ihr gemeinsames Zählen. Schließlich werden die Bewegungen der Tänzer*innen kleiner, bis von ihnen nur noch ein Fingerschnippen übrigbleibt. Wieder ist das Publikum gefangen, übernimmt den Rhythmus der Choreografie mit eigenen, kleinen Bewegungen.

Erleichterung nach dem Parforceritt

Am Ende stehen die Tänzer*innen den Zuschauer*innen auf der inzwischen abgedunkelten Bühne in einer Reihe gegenüber. Ein schmaler Lichtstreifen wandert von ihren Füßen aus nach oben, tastet die Körper ab. Stille.

Verdienter, hart erarbeiteter Applaus setzt ein nach dieser kräftezehrenden, energiegeladenen Performance. Die Tänzer*innen umarmen sich erschöpft, sichtbar gelöst nach der Anstrengung dieses einstündigen Parforceritts. „The dog days are over 2.0“ scheint auch das sie nun erfüllende Gefühl der Erleichterung zu beschreiben.

Einen kurzen, aber deutlichen Missklang am Ende eines ansonsten tänzerisch begeisternden Premierenabends bedeutete die von Dan Musstet im Namen aller Tänzer*innen verlesene, offensichtlich antiisraelische Solidaritätsadresse mit allen, die unter „occupation“, „oppression“ und „fascism“ leben müssen. Ob diese Aktion mit dem Choreografen oder der Festivalleitung abgestimmt war, konnte bis zur Veröffentlichung dieses Artikels nicht geklärt werden.

 

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