„We Solo Men“ von Ann Van den Broek / BODHI Project 

Zwischen Selbstdarstellung und Einsamkeit

BODHI PROJECT tanzt „We Solo Men“ von Ann Van den Broek im Rahmen der Sommerszene Salzburg

Zwischen präziser Körperarbeit, rhythmischer Wiederholung und überraschenden Momenten der Entblößung entsteht ein vielschichtiges Spiel mit Identität, Geschlechterbildern und dem Wunsch, gesehen zu werden – ein Tanzabend, der ebenso fesselt wie verstört.

Salzburg, 24/06/2026

Von Teresa Lindner

Siebzehn Jahre nach seiner Uraufführung erweist sich „We Solo Men“ in der Interpretation des BODHI PROJECT, aufgeführt in der ARGEkultur Salzburg, als bemerkenswert zeitgenössisch. Ann Van den Broeks Choreografie lotet die Spannung zwischen dem Bedürfnis, gesehen zu werden, und der Schwierigkeit echter zwischenmenschlicher Begegnung aus – ein Konflikt, der in Zeiten digitaler Selbstinszenierung aktueller denn je erscheint. Von Beginn an herrscht eine nervöse Energie auf der Bühne. In einem präzisen komponierten Geflecht aus Bewegung, Sprache und musikalischem Rhythmus treiben sich die sechs Performer*innen gegenseitig an. Die charakteristischen Wiederholungen und plötzlichen Richtungswechsel erzeugen einen Sog, der das Publikum unweigerlich in einen Bann zieht. Die ständige Wiederkehr von Mustern erzeugt eine beinahe hypnotische Atmosphäre.

Das Bühnenbild unterstützt die Wirkung subtil: Von der Decke hängen deutlich sichtbar Mikrophone herab, die dem Bühnengeschehen eine kühle, technische Note verleihen und den Eindruck einer permanenten Beobachtung noch betonen. Die Komposition von Arne Van Dongen verstärkt den Effekt zusätzlich, indem sie mit rhythmischen Strukturen und wiederkehrenden akustischen Fragmenten arbeitet und so die körperliche Dynamik der Choreografie spiegelt. Was zunächst spielerisch und unterhaltsam erscheint, entwickelt im Verlauf des Abends eine zunehmend beklemmende Intensität. Die Tänzer*innen suchen beharrlich nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, wirken jedoch zugleich gefangen in ihrer Unfähigkeit, echte Nähe und Verbindung herzustellen. Die Stärke des Ensembles liegt in der Konsequenz, mit der selbst jede noch so kleine Bewegung Bedeutung erhält. Wiederholte Gesten, kurze Bewegungsfragmente und scheinbar beiläufige Aktionen verdichten sich zu einem körperlichen Vokabular, das zwischen Übermut, Unsicherheit und Einsamkeit oszilliert. Die Tänzer*innen agieren wie ein Kollektiv und bleiben doch unverwechselbare Individuen. Gerade aus diesem Wechselspiel von Gemeinschaft und Vereinzelung bezieht die Aufführung ihre eindringliche Wirkung.

Besonders bemerkenswert gestaltet sich die Besetzung. Der Titel „We Solo Men“ scheint durch die Präsenz männlicher Figuren eingelöst zu werden, doch im Verlauf der Aufführung wird diese Eindeutigkeit bewusst unterlaufen. Neben vier männlichen Tänzern stehen auch zwei Tänzerinnen auf der Bühne, die zunächst als Männer erscheinen. Erst durch das Ablegen der Kleidung wird ihre weibliche Identität sichtbar. Dadurch stellt die Choreografie die Konstruktion von Geschlecht selbst zur Diskussion und macht deutlich, wie sehr Männlichkeit über Haltung, Gestik, Kleidung und Auftreten erzeugt wird. Die Grenzen zwischen männlicher und weiblicher Identität verschwimmen und das Publikum wird mit den eigenen Erwartungen konfrontiert.
Inhaltlich verweigert sich „We Solo Men“ einfachen Antworten. Die Figuren präsentieren sich, posieren, kämpfen um Wahrnehmung und Anerkennung. Doch hinter der Fassade des Entertainers wird zunehmend eine tiefe Verletzlichkeit sichtbar. Die Einsamkeit, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und das Scheitern an echter Kommunikation erscheinen dabei nicht als spezifisch männliche Erfahrungen, sondern als universelle menschliche Zustände. Gerade durch die Auflösung fester Zuschreibungen gewinnt das Stück zusätzliche Tiefe und gesellschaftliche Relevanz.
Am Ende bleibt ein ambivalenter Eindruck zurück. Das Publikum wird unterhalten, zugleich aber mit einer unbequemen Erkenntnis konfrontiert: Der Wunsch, gesehen zu werden, kann in einer Welt permanenter Selbstinszenierung leicht in Einsamkeit umschlagen. Die rhythmische Wiederholung, die exzentrischen Bewegungen und die schonungslose Darstellung menschlicher Isolation entwickeln dabei eine Intensität, die mitunter verstörend wirkt, gerade deshalb aber lange nachhallt. Mit „We Solo Men“ gelingt dem BODHI PROJECT eine intensive und technisch beeindruckende Wiederbelebung eines modernen Klassikers. Die Aufführung verbindet körperliche Virtuosität mit psychologischer Schärfe und eröffnet einen vielschichtigen Blick auf Identität, Geschlechterrollen und die menschliche Sehnsucht nach Nähe in einer zunehmend auf Selbstdarstellung ausgerichteten Welt.
 

Kommentare

Noch keine Beiträge

Ähnliche Artikel

basierend auf den Schlüsselwörtern