„Body Suites“ von Shahar Binyamini, Tanz: Ensemble

Der Beat als Herzschlag

„Different Grounds“ mit drei Uraufführungen an der Semperoper Dresden

Dieser Abend birgt in sich keine Highlights. Der ganze Abend ist ein Highlight.

Dresden, 01/11/2026

Mit „Different Grounds“ gleich drei Uraufführungen in der Semperoper auf den Plan zu setzen, mag man als Risiko ansehen. Das einzugehen, konnte man aber nur begrüßen. Wirklich herausragende Arbeiten, egal ob neue oder bekannte, gab es in den letzten Spielzeiten nicht. Mit diesem Triple Bill hat sich das geändert. Zum Glück. Die Mischung setzt spürbare Power neben auffällig sensible Kraft. Und das alles mit zeitgemäßem Ansatz.

Das beginnt schon direkt amüsant mit einer akustischen Spielerei. Robin Fox arbeitet schon lange mit Stephanie Lake zusammen. Für ihr den Abend eröffnendes Stück „Quanta“ lässt er noch im Dunklen die Illusion entstehen, eine gigantische Maschinerie würde irgendwas unter enormem Aufwand betreiben. Dabei tauchen aber einfach nur Madoka Ishikawa und Juan Sebastián Valdez aus dem bis dato versenkten Orchestergraben auf. Das ist aber nicht nur amüsant. Das setzt auch einen klaren Akzent für den gesamten Abend. Die Akustik, oder besser: Die Musik spielt für „Different Grounds“ eine auffällig starke Rolle. 

Komplexe Sounds lässt Fox durch den Raum perlen und quirlen. Es tickt und klimpert, bis sich klare Beats formen und Lake ein sichtbar tanzfreudiges Ensemble mit reiner Energie reibungslos über die Bühne treibt. So begeistert hat man die Tänzerinnen und Tänzer lange nicht erlebt. Es ist direkt spürbar, dass Lake ihr Stück direkt für diese Gruppe maßgeschneidert hat. Die Energie treibt genussvoll spielerisch voran, ohne jegliche Hektik. 

Der „Ground“ als der eigentliche „Grund“ 

James Kirby Rogers legt ein Solo mit Schmackes hin, das unmissverständlich zeigt, dass hier eben getanzt wird. Seine Hände scheinen kurz am Boden festzukleben; sein Blick geht immer wieder nach unten. Genau um diesen „Ground“ geht es. Wenn sich die Traverse plötzlich mit punktartigen Scheinwerfern ins Bild senkt, wird es technisch unterkühlt mit Computerpiepsen und verfremdeten Lautfetzen. Später wendet sich alles wieder lebendig in einen farbig changierenden Hintergrund. Keine großartigen Brüche, einfach immer weiter. Ob das mehr will als reine Lebendigkeit, scheint dabei gar nicht so wichtig zu sein, denn es funktioniert und überzeugt, als wäre es ein einziger halbstündiger Atemzug. 

Genau die gleiche Traverse nutzt auch Julian Nicosia für sein „A Quiet Collision“. Nicosia war unter anderem Tänzer in der Dresden Frankfurt Dance Company unter Jacopo Godani und hat bereits für die kleinere Bühne der Semperoper choreografiert. Hier gruppiert er in stiller Eleganz ans klassische Ballett angelehnt auf Spitze eine Gruppe von Individuen, die den Rahmen einer rätselhaften Konstellation bilden: Ein kleiner Junge mit einem Ball in der Hand hat neben sich eine Art bulligen schwarzen Androiden, der wie ein stummer Wächter wirkt. Die unterschwellig bedrohliche Atmosphäre scheint ihn als solchen notwendig zu machen.

Hier kommen die Sounds von Michael Anklin und Janiv Oron. Und die klimpern und flirren, bis auch hier treibende Beats hochästhetische Momente schaffen, in denen die Zeit stehen zu bleiben scheint. Technoides Knarren führt auch hier zu Augenblicken befremdlicher Kälte. Dadurch überlagert sich „A Quiet Collision“ konzeptuell etwas mit Lakes „Quanta“, wobei Nicosias aber mit deutlich „strengerer“ Eleganz daherkommt.

Das Cello im Mittelpunkt

Für Strenge ist Shahar Binyamini hingegen überhaupt nicht bekannt. Als Geheimtipp gilt der israelische Choreograf schon lange nicht mehr. Dass er für dieses Haus gewonnen werden konnte, ist mehr als erfreulich. Und er überrascht mit seinen „Body Suites“. Zumindest all jene, die seine organische Formensprache lieben, die seine Herkunft aus der Batsheva Company nicht leugnet. Der Titel seiner Arbeit ist ein Wortspiel mit Bezug auf seine Musikauswahl. Ausgerechnet das Cello von Bach hat es ihm angetan. Das schon allein überrascht, da er in der Regel seine Musik mit feinem Fingerspitzengefühl selbst zusammenstellt und dabei verschiedene kulturelle Einflüsse nutzt. 

Binyamini stellt das Cello tatsächlich zunächst mitten auf die Bühne. Norbert Anger ist mit seinem Instrument geradezu eingehüllt vom Ensemble, das wie ein schlafender Organismus um ihn gewebt scheint. Aus dieser Masse fädelt Binyamini ganz allmählich die nächste Überraschung. Auch er arbeitet hier auf Spitze, sehr formal, geradezu streng. Selbst die Herren des Ensembles kommen en point seitlich daher. Eine ganze Weile scheint das wie ein choreografisches Korsett für ihn zu wirken. Als wolle er selbst raus aus dieser Geradlinigkeit. Die schwarzen Hosen mit ihrem auffällig seitlich hoch gerundeten Bund erinnern an die klassische Darstellung des Teufels. Gleichzeitig kann man sich angesichts der so auffällig dem Publikum zugewandten hellen Rücken nicht der Assoziation zu Goecke erwehren.

Nach den lebhaften Ensembleszenen bei Lake und Nicosia wirken Binyaminis reduzierte Duette fast wie eingekocht, reduziert auf reine Choreografie, die dem Cello in keinem Moment davonzulaufen droht. Das Publikum schaltet dafür mindestens einen Gang runter. Hier ist Konzentration angesagt. Dann lässt sich auch wahrnehmen, wie das Formale ganz langsam der Lebendigkeit weicht, für die Binyaminis Arbeiten bekannt sind. Er nimmt alles sensibel zurück und gestaltet eine fast religiöse Szene, in der Joseph Ducille von dunklen Mächten verführt zu werden scheint. 

Bei aller Hingabe könnte man aber meinen, Binyamini würde das Publikum nur teasen, all die zumindest, die auf seine entfesselten Ensembleszenen warten. Und die enttäuscht er nicht. Die Ausbrüche aus der perfekten Ordnung rasen wild über die Bühne. Dabei ist es fast wie ein Widerspruch, dass einzelne Tänzerinnen und Tänzer gerade in den immer größer werdenden Ensembleszenen aufscheinen. Aber das ist eben Binyamini. Mit großen Gruppen arbeiten kann er. Und das sehr präzise. Und je wilder das Ganze, desto klarer scheint plötzlich die Ordnung. Das muss man erst mal so hinkriegen.

 

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