Hamburg bleibt stabil
Interims-Führungs-Trio bis 2027 verlängert
Seit 1975 pflegt man beim Hamburg Ballett – wie auch andernorts – die Tradition der „Jungen Choreografen“ (damals wurde noch nicht gegendert): Tänzerinnen und Tänzer aus dem Ensemble präsentieren einmal im Jahr (manchmal auch seltener) auf freiwilliger Basis eigene Choreografien – an unterschiedlichen Orten der Hansestadt. Eine Kooperation mit der Kampnagelfabrik, die für so ein Format der ideale Ort ist, gab es seit 1991 nicht mehr – erst jetzt öffneten sich die Türen der K6 wieder dafür. Und prompt war die größte Halle der ehemaligen Maschinenfabrik an beiden Abenden ausverkauft.
Man wolle „reine, tiefste Gefühle und Geschichten erzählen“, sagte Francesco Cortese, der beide Abende kuratiert hatte, in seiner Einführung. „Alle Mitglieder des Hamburg Ballett sollten die Möglichkeit haben teilzunehmen – frei, ohne Angst vor Bewertung und Vorurteilen.“ Und das alles natürlich in ihrer Freizeit, zusätzlich zu Proben und Vorstellungen im Rahmen der Spielzeit. Sie sollten „sich ausprobieren können – fallen, aufstehen, kämpfen und sich neu finden“. Denn die Weiterentwicklung neuer Stimmen im Tanz sei „extrem bedeutsam für unsere Zeit“. Davon zeugen eine ganze Reihe von Persönlichkeiten aus dem Hamburg Ballett, die heute einen festen Platz in der Welt der Choreografie gefunden haben: Yuka Oishi, Luca-Andrea Tessarini, Aleix Martinez, Sasha Riva, Jean-Christophe Maillot, Kristina Paulin, Natalia Horecna, Jiří Bubeniček, um nur einige zu nennen. Das, so Cortese, sei „kein Zufall, sondern Wirkung“, auch solcher Abende.
Ein abwechslungsreiches Programm
Das Publikum bekam zwei unterhaltsame Abende geboten, bei dem die kleinen Kammerstückchen allerdings deutlich mehr auftrumpfen konnten als die umfangreicheren Werke. Gleich zu Beginn sei da „La Maldición de Eva“ von Almudena Izquierdo genannt: ein junges Mädchen sprengt den Fluch, mit dem Frauen traditionell in ein enges Sittenkorsett gepresst werden sollen. Höchst gekonnt knallt sie ihren fünf Gouvernanten am Schluss ihr Püppchen vor die Füße. Das ist ebenso schwungvoll wie dramaturgisch aufgeladen.
Ein Familienthema bearbeitet auch „Tao“ von João Santana für eine Frau (Selina Appenzeller) und zwei Männer (Samuel Legaspi und José Abilio Neri), indem ein Elternpaar den Weg seines Sohnes vorgeben möchte, um dann doch einsehen zu müssen, dass der Nachwuchs seinen eigenen Weg gehen muss. Ein anspruchsvolles, erstaunlich ausgereiftes Werk mit drei wunderbaren Tänzer*innen.
Auch „Weltvergessen“ von Joaquin Angelucci ist ein nachdenkliches, eher leises Stück, das Soli und Ensembles schön ineinander webt und das in Lennard Giesenberg, Charlotte Larzelere und Samuel Legaspi großartige Interpret*innen hatte. Mit „I Don’t Want to Set The World On Fire“, einem Pas de Deux für die großartigen Joaquin Angelucci und Moisés Romero, bewies auch Gabriel Barbosa ein weiteres Mal sein choreografisches Talent.
Tempo und Schwung, Dynamik und Eleganz gleichermaßen bot „Fourfold“ von Greta Jörgens für vier Tänzerinnen (Lormaigne Bockmühl, Justine Cramer, Yun Lin, Ida Stempelmann). Ein Highlight auch „Zeitpfeil“ von Samuel Legaspi für Lennard Giesenberg und Paula Iniesta zu dem hinreißenden Blues-Song „Rollin‘ on“ von Jackie Venson. Das ging unverzüglich mitten ins Herz!
Wohingegen „Trickster Spirit Sparked Skanked Hype Praised“ von Louis Haslach genauso zerstückelt und stellenweise verquast daherkam wie sein Titel. Auch „The Strange Case of Daisy Ray“ von Jack Bruce sowie „Zerfall“ von Francesco Cortese (mit zwölf Beteiligten das umfangreichste Stück) konnten nicht wirklich überzeugen, weil zu überfrachtet, zu unklar in der Aussage und insgesamt zu ambitioniert. Weniger ist halt doch manchmal mehr.
Was drei Werke des zweiten Abends deutlich unterstrichen: In „Becoming“ von Ivan Urban suchen Charlotte Larzelere und Louis Musin, der auch ein phantastisches Solo hinlegt, nach einem neuen Atem im Leben und neuer Inspiration.
Überzeugend gelang die Choreografie von Constantin Trommlitz als Gast (er wird auch die Tanzeinlagen bei Leonard Bernsteins „Mass“ gestalten, die Hamburgs Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber am 24. Mai in der Elbphilharmonie aufführt). Mit „Can you Hear Us“ für sieben Tänzer*innen in Sneakers zeigte er ein schwungvolles und raffiniert gebautes Ensemblestück, das die Hamburger*innen lustvoll aus den Beinen schüttelten.
Ein perfekter Rausschmeißer war dann der heiter-liebevolle „Spaziergang“ voller Poesie und Hintergründigkeit von Alice Mazzasette, den Pepijn Gelderman, Lennard Giesenberg, Moisés Romero und Charlotte Larzelere mit Hingabe zelebrierten.
Und so zeigten sich an diesem Abend überraschende Talente in Choreografie und Tanz, die Lust machen auf mehr. Und die Ballett-Direktor Lloyd Riggins dazu inspirieren sollten, den besonders Begabten die Chance zu geben, mit der ganzen Kompanie und für einen eigenen, gemischten Ballett-Abend auf der großen Bühne zu arbeiten.
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