„Manon“ von Kenneth MacMillan, Tanz: Cassandra Trenary, Eno Peci und Ensemble

„Manon“ von Kenneth MacMillan, Tanz: Cassandra Trenary, Eno Peci und Ensemble

Nicht immer ist mehr gut

Die aktuelle Vorstellungsserie von „Manon“ beim Wiener Staatsballett trumpfte mit vielen unterschiedlichen Besetzungen auf

Es ist verständlich, dass Alessandra Ferri ihre vielen Solist*innen in der aktuellen Vorstellungsserie von „Manon“ einsetzen will und muss. Alle haben tanztechnisch überzeugt, aber es scheint an Zeit für die Erarbeitung der Rolleninterpretationen zu fehlen.

Wien, 24/06/2026

In sieben Manon-Vorstellungen gab es je fünf unterschiedliche Besetzungen für Manon, Lescaut, Lescauts Geliebte und vier Besetzungen für Des Grieux. Auch die Rolle des Monsieur G.M. war mehrfach besetzt. Das ist natürlich ein Luxus, den sich das Wiener Staatsballett leisten kann und macht es auch für den Verfasser dieser Zeilen, der vier unterschiedliche Besetzungen gesehen hat, interessant. Über die Wiederaufnahmepremiere hat Andrea Amort bereits ausführlich berichtet.

Vorweg sei festgehalten, dass es an der tanztechnischen Umsetzung bei allen Besetzungen nichts auszusetzen gab, aber in der Interpretation fanden sich große Unterschiede. Den Besetzungsreigen vollendeten Laura Fernandez Gromova und Kentaro Mitsumori in der sechsten Vorstellung der Serie am 20. Juni 2026. Gromova gestaltet ihre Manon differenziert, der Ekel gegenüber Monsieur G.M. ist ihr ins Gesicht geschrieben, aber die Freude am Luxusleben überwiegt. Der Mord an Lescaut lässt sie fassungslos und gebrochen zurück. Mitsumori an ihrer Seite bleibt eher farblos. Man bekommt den Eindruck, dass er nicht wirklich weiß, was er ausdrücken soll. So ist auch nicht nachvollziehbar, warum er Manon auf die Gefängnisinsel folgt. Ein Lichtblick in dieser Vorstellung sind allerdings Giorgio Fourés als Lescaut und Chiara Uderzo als seine Geliebte. Beide überzeugen mit komödiantischem Schauspieltalent vor allem bei ihrem pas de deux im 2. Akt. Alle vier genannten gaben ihr Rollendebüt. 

Als dritte Besetzung waren am 27. Mai 2026 Alice McArthur und António Casalinho zu sehen. Casalinho ist ein leidenschaftlicher Des Grieux, steht aber in den großen Szenen etwas verloren auf der Bühne herum. Hat es vielleicht keine Bühnenprobe gegeben? Dazu kommt, dass McArthur – seit dieser Saison im corps de ballet engagiert – darauf konzentriert scheint, den Abend zu überstehen und somit zuwenig Energie für eine Interpretation aufbringen kann. Ihre Bewegungen wirken teilweise manieriert und aufgesetzt. Im 3. Akt ist ihr die Erschöpfung förmlich ins Gesicht geschrieben. Auch wenn es löblich ist, dass Alessandra Ferri junge Tänzer*innen fördern will, so ist diese Besetzung nicht ganz nachvollziehbar. Eine präzise Technik und klare Linien sind für eine Hauptrolle in einem dramatischen Handlungsballett zu wenig. Rinaldo Venuti ist ein brutaler Lescaut, der sowohl seine Geliebte (Margarita Fernandes) als auch seine Schwester ohne Skrupel verkauft. Beide verstehen es, ihre Rollen differenziert zu gestalten. Igor Milos ist ein eleganter Monsieur G.M., der weiß, was er will und vor allem gewohnt ist, das zu bekommen. Er betrachtet Manon als Trophäe, mit der man angeben kann. Auch an diesem Abend waren es für alle erwähnten Rollendebüts.

In der zweiten Vorstellung am 21. Mai 2026 debütierten Cassandra Trenary und Victor Caixeta. Trenary zeigt eine Manon, die mehr in den Luxus als in Des Grieux verliebt ist. Selbst als sich Caixeta in seiner dramatischen Liebeserklärung im 2. Akt vor ihr auf den Boden wirft, bleibt sie unberührt. Da hilft leider auch seine entfesselte sinnliche Art nicht, um ihr Herz zu erweichen. Am Ende ist er über sich selbst entsetzt, dass er gerade einen Menschen getötet hat. Davide Dato legt sein Rollendebüt als Lescaut sehr ungestüm an. Ioanna Avraam als seine Geliebte hat vor allem im 2. Akt sichtlich Spaß daran, mit dem betrunkenen Lescaut zu tanzen. Dass sich hier ein Fehler am Programmzettel fand, sei angemerkt – Avraam tanzte diese Rolle bereits 2013 unter Manuel Legris in Wien. Eno Peci zeigt bei seinem Debüt Monsieur G.M. als lüsternen schleimigen Freier. Erwähnt seien am Ende auch noch Gaia Fredianelli und Iulia Tcaciuc, die in mehreren Vorstellungen sehr unterhaltsam die beiden rivalisierenden Kurtisanen gaben. 

Alessandra Ferri hat seit ihrem Antritt das technische Niveau des Wiener Staatsballetts stark angehoben. Sicherlich auch durch geschickte Neuengagements. Dass sie die vielen Neuzugänge dem Publikum präsentieren will, ist verständlich, wird aber auch zu einer großen Herausforderung für die Tänzer*innen. Nicht nur die Solorollen sondern auch viele Rollen im corps de ballet waren immer wieder neu besetzt bzw. manches Mal auch Tänzer*innen an anderen Stellen eingesetzt. So hatte man des Öfteren das Gefühl, dass die Tänzer*innen mehr damit beschäftigt sind, der Choreografie zu folgen, als dass sie sich auf eine Rolleninterpretation konzentrieren können. Es scheint zu wenig (Bühnen-)Proben gegeben zu haben. Deutlich wurde dadurch auch, wie wichtig es ist, dass mit jungen Tänzer*innen an der Rolleninterpretation gearbeitet wird. Denn in einem dramatischen Handlungsballett wie „Manon“ genügt es nicht nur „schön und perfekt“ zu tanzen. Dass die Tänzer*innen es beherrschen „schön und perfekt“ zu tanzen, konnte man in den letzten Monaten oft genug sehen. Nun sollte Ferri die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass auch an den Rolleninterpretationen ausführlich gearbeitet wird. 

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