Offizierin der Künste
Alessandra Ferri zum Mitglied Ordre des Arts et des Lettres ernannt
Wiederaufnahme von Kenneth MacMillans „Manon“ an der Wiener Staatsoper
In der Staatsoper wurde nach dreizehn Jahren der Absenz „Manon“ (1974) von Kenneth MacMillan in der Einstudierung von Gregory Mislin und Laura Morera mit großem Erfolg und etlichen „Vorhängen“ für das Hauptpaar Madison Young und Alessandro Frola wieder aufgenommen. Ein Paradebeispiel einer aufwühlend inszenierten, im 18. Jahrhundert auch optisch angesiedelten Milieuschilderung von Arm und Reich, von Ausbeutung und Untergang, in der die verbannte Manon trotz Des Grieux‘ Liebe in den Sümpfen von Louisiana zu Grunde geht.
MacMillan hat die Tragödie um die Macht des Geldes, Prostitution und Verrat nach Antoine-François Prévosts Roman „Manon Lescaut“ (1731) mit der subtil arrangierten Orchestrierung aus Massenet-Werken von Martin Yates zu einem Gesamtkunstwerk verwoben. Ermanno Florio dirigierte nun zügig diesen ausgesuchten Massenet, ganz ohne Zitate aus dessen Oper „Manon“.
Aus der Wiener Aufführungsgeschichte sind herausragende Tänzer des Des Grieux in Erinnerung: zuerst Vladimir Malakhov, dann Robert Tewsley, Manuel Legris. Frola aber scheint, seinem Selbstverständnis nach, ein sehr zeitgenössischer und frei agierender Künstler zu sein, der die Rollengestaltung in die Vorgaben der tanztechnischen Form, die er auch meistert, ganz und gar einschreibt. Das mag auf seine intensive Erfahrung in der Zusammenarbeit mit John Neumeier zurückgehen, es entspricht aber auch MacMillans Herausforderung. Frola folgt Manon bis zu ihrem Tod mit intensivem Spiel, zuerst verliebt, dann zum Betrug, ja zum Mord bereit, kämpferisch, verzweifelt; „das schöne Bein“ darf in der Emotion aufgehen. Und er weiß, dass er den Boden seiner Kollegin aufbereitet.
Eine Frau mit Eigensinn
Und da hat es tatsächlich den Anschein, dass die Titelfigur nun ganz nach vorne gerückt ist. Das könnte auch mit dem Coaching von Alessandra Ferri zu tun haben, die bisher und in der kommenden Saison etliche Werke spielt, die sie selbst getanzt hat. Im Fall der Manon war sie 19 Jahre jung, als sie eine MacMillan-Ballerina wurde.
Madison Young ist als Manon nicht nur die zur finanziellen Ausbeutung vermögender Männer angeleitete schöne Ware. Sie hat Eigensinn. Sie wirkt gespalten zwischen dem herrlichen, aber kalten Gefühl, das der Reichtum des ihr aufgezwungenen Monsieur G.M. vermittelt und der nicht zu unterdrückenden Liebe zu Des Grieux. Die komplizierten Duos mit zahlreichen Hebungen werden bei Young und Frola zu einem erzählerischen Mehrwert, der das technische Können absorbiert. Und sie ist Opfer einer widerlichen Welt, in der Männer wie der halunkische Bruder Lescaut, Frauen zerstörerisch benutzen. MacMillan spielen wollen, heißt nebenbei Tänzerdarsteller*innen zu formen; das, was einmal als komplette Tänzerin oder kompletter Tänzer galt, wieder anzustreben.
Zum tragischen Netzwerk der Manon gehört noch ihr Bruder Lescaut. Der spielfreudige Alessandro Cavallo ist angehalten, alle Register der hinterlistigen Überzeugungskunst zu ziehen und im Bordell der roten Madame – launig-geschäftstüchtig Franziska Wagner-Hollinek – den Auftritt des besoffenen Intriganten akrobatisch zu absolvieren. Blass bleibt Rosa Pierro als Lescauts Geliebte. Immer noch fehlt ein dramatischer Aspekt und den gestaltet Marcelo Gomes als Monsieur G.M. überzeugend. Der einstige Star des American Ballet Theater und derzeit leitender Ballettmeister in Wien nimmt den mimischen Part nuancenreich ernst und lässt in dem Adeligen keine Zweifel über dessen Anspruch auf Besitz zu.
Noch keine Beiträge
basierend auf den Schlüsselwörtern
Bitte anmelden um Kommentare zu schreiben