Werden alle zu halten sein?
Alessandra Ferri hat das Wiener Tanz-Niveau blitzartig in die Höhe geschraubt
Es soll hier gar nicht spekuliert werden, was genau eine gelungene Ballett-Gala ausmacht. Ob sie dem Publikum vor allem Spaß machen oder eine tanztechnische Akrobatiknummer nach der anderen zum Besten geben soll, die augenblicklich den Vergleich provoziert: „Der springt aber höher!“. Als seriöse Kategorie gehörte die Gala wohl einfach abgeschafft. (Ausnahme: Neumeiers Nijinsky-Galas) Besteht sie denn in den meisten Fällen aus kurzen Tänzen, die mit künstlerisch meist unzulänglich gesetzten Ausschnitten aus längeren Choreografien oder abendfüllenden Werken in eine Nummern-Folge gebracht werden.
Wien hatte, bis heute geprägt von Ballettdirektor und Festivalleiter Gerhard Brunner, davon lange Abstand genommen. Erst Manuel Legris führte eine solche herausfordernde Zusatzaufgabe für die Tänzer*innen als jährlichen Saisonschluss ein. Nach Martin Schläpfer setzt Alessandra Ferri diese „Tradition“ fort und bringt eine neue Kategorie innerhalb der Gala ein: zwei der frisch einstudierten Werke sind Halbstünder und Teil der im September stattfindenden zusätzlichen Premiere zu Neumeiers „Nijinsky“ und McGregors „Woolf Works“ in der Wiener Staatsoper.
Der für Verschiedenstes allzu gern benutzte Titel „Living Legacies“ wird in Ferris Fall dann Balanchines „Divertimento Nr. 15“ (in Wien seit 1969) mit den neuen Errungenschaften, Frederick Ashtons Bravourstück für Michail Baryschnikow mit Lesley Collier „Rhapsody“ (1980) und Christopher Wheeldons feinziselierten Duetten „Within the Golden Hour“ (2008), vereinen. Ersteres verweist auf das virtuose akademische Können des russischen Stars, das zur stürmischen „Rhapsodie“ von Rachmaninow nunmehr von António Casalinho stand-, dreh- und springfest dargeboten wird. Mit Cassandra Trenary gelingt ein abschließendes Duo gegenseitiger Verzauberung, das Ashtons Vorliebe für spezielle Arm- und Handgesten zum Vorschein bringt. Bei aller historischen Wertschätzung Ashtons, die im Zentrum des Programms und in der Rede Ferris auf der Bühne stand, mutet das Geburtstagsstück für die Queen Mother heute wie aus der Zeit gefallen an. Zu diesem Eindruck trägt auch die wie aus dem Fundus zusammengestellt wirkende Ausstattung bei. Dass Wheeldon sich bei seiner kostümgoldverbrämten Reihe aus Paarfigurationen zu Musik von Ezio Bosso und Vivaldi laut Programmheft auf Gustav Klimt bezieht, mag vor allem verkaufsfördernd wirken. Wie „Rhapsody“ wirkt es eher wie ein Gelegenheitswerk, Anordnungen vor Abendrot. Madison Young und Alessandro Frola legen darin immerhin einen betörenden Auftritt hin.
Hoch geschraubt hatte Ferri auch die Erwartungen, was weitere Ashton-Einstudierungen betraf, die einer besonderen stilistisch feingetunten Sorgfalt bedürfen. Aus dem Wiener Repertoire fand der Bändertanz aus „La fille mal gardée“ mit Margarita Fernandes und Davide Dato Eingang ins gemischte Programm. „Voices of Spring“, der Frühlingstimmenwalzer von Strauss, getanzt von Laura Fernandez Gromova und Arne Vandervelde, mit Ashtons Blumenstreumotiv, verwunderte ob seiner neoklassischen Hebefiguren und choreografierten Walzerferne. Der geschätzte Gastdirigent Davide Coleman, an diesem Abend besonders laut unterwegs, ließ es in diesem Zusammenhang im Orchestergraben eher krachen als fließen. Das verhaltene, von Anthony Dowell imprägnierte Orpheus-Solo „Dance of the blessed spirits“ (Gluck) setzte erneut Frola stimmungsgewandt in Szene. Für Historiker*innen interessant war der Pas de quatre aus Ashtons „Schwanensee“, den Ferri 1982 tanzte. Weiters ein von der Chefin glaubhaft einstudierter „Sterbender Schwan“ mit Ketevan Papava und der unverwüstliche „Corsaire“-Pas de deux mit Liudmila Konovalova und Paul Marque (von der Pariser Oper). Elegant geriet der Abschluss mit einem ungünstig angesetzten Ausschnitt aus Balanchines „Diamonds“ mit großem Ensemble um die formvollendet agierende Olga Esina und den zurückhaltenden Victor Caixeta.
Ferri hat in ihrem ersten Jahr für viele neue Tänzer*innen gesorgt, viele in Rollendebüts ausprobiert, mitunter überfordert. Ihre Freizügigkeit bezüglich Rolleninterpretation, Platzierung und Verhalten auf der Bühne wirkt auf manche Beobachter*innen zu willkürlich und nicht inszenierungskonform. Das Engagement der mehr als zwanzig Neuen und die Re-Fokussierung auf die klassische Schule hat das Niveau des Ensembles, das unter Legris ausgezeichnet gewesen war, danach deutlich verlor, wieder angehoben. Was fehlt, ist eine informiertere Hinwendung zu einer Form von neoklassischer Zeitgenossenschaft und vor allem offeneren Betrachtung der internationalen aktuellen Choreograf*innen-Szene. Für diese vielen jungen hungrigen Tänzer*innen würde es noch einmal einen Unterschied machen, wenn sie nicht nur Historisches lernen, sondern auch in Uraufführungen großer Namen hineinwachsen könnten. Man hat den Eindruck, dass Ferri vor allem Stücke bringt, die sie selbst einmal getanzt hat. Sie öffnet somit ihren sehr persönlichen historischen Erinnerungsraum den Tänzer*innen. Auch eine (Wiener) Novität, Repertoiregestaltung auf diese Art vorzunehmen.
Abgesehen davon, poppten während der ersten Spielzeit zuletzt zwei Veränderungen auf, eine angedroht und eine umgesetzt: An der Ballettakademie unter der neuen Leitung von Patrick Armand wird offenbar überlegt, das seit Jahrzehnten sehr gut mit dem Ausbildungsbetrieb geregelte Abitur in Kooperation mit einem speziell dafür eingerichteten Gymnasium abzuschaffen, zugunsten eines freiwilligen, privat zu zahlenden Abschlusses und zwei Stunden mehr Training am Tag. Siehe Stadtzeitung Falter 19.6.2026
Es wäre eine ziemliche Dummheit, Absolvent*innen nur mit einem Pflichtschulabschluss in die Berufswelt zu schicken. Und: Die Ballettdramaturgie hat einen weiteren Verlust hinnehmen müssen. War schon mit Beginn Ferris Antritt die erste Dramaturgin nicht verlängert und der Posten ersatzlos gestrichen worden, hat man sich nun von einer weiteren getrennt. Eine Kollegin ist verblieben. Das ist bei dem enormen Arbeitsaufwand, den diese Abteilung zu leisten hat, nicht nachvollziehbar. Insgesamt muss für drei Häuser, neben der Staatsoper für die Volksoper und „NEST“, die neue kleine Bühne, produziert werden.
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