„Da Vinci“ von Lucas Valente

Chaos und Ordnung

„Da Vinci“ von Lucas Valente am Staatstheater Cottbus

Der Titel klingt nach einer vertanzten Biografie. Eine Annahme, die Valente auf geniale Weise anspielungsreich und bilderstark widerlegt.

Cottbus, 17/05/2026

Auf dem Plakat für „Da Vinci“, dessen Kindertheater-Ästhetik in keinem größeren Kontrast zum beworbenen Stück stehen könnte, sticht ein Sticker ins Auge, auf dem das Wort „brillant“ steht. Es charakterisiert nicht nur das Universalgenie Leonardo da Vinci, sondern schien bereits beim Druck hellseherisch die Essenz von Lucas Valentes neuester Arbeit in einem Adjektiv zusammenzufassen. Auf der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus hatte „Da Vinci“ Premiere und bescherte Inma Lopéz und Stefan Kulhawec damit eine eindrucksvolle Erweiterung des Repertoires ihres hervorragend aufgestellten kleinen Ensembles. 

Im Kopf des Genies

Wer Lucas Valentes Arbeiten kennt, ahnt, dass sich hinter dem Titel beileibe keine seicht vertanzte Biografie verbirgt. Schon während des Einlasses sitzt auf der Bühne ein Mann an einem Schreibtisch, dem Publikum den Rücken zugewandt, dahinter sind im funzeligen Licht einer Hängelampe Stellwände mit Papieren und Skizzen zu erahnen. Seine Arme scheinen Elektroenzephalogramm seines Gehirns zu sein, zeichnen dessen pulsierende Ströme sichtbar nach. Und von was für einer fantastischen Energie sind diese getrieben – fieberhaft, flirrend und temporeich bilden sie Grübeln und Zermartern ab. Und scheinen dabei wie von einer strukturierten Mechanik angetrieben mit jener präzisen Genauigkeit, nach der ein brillanter Forschergeist sucht. Jorge Concepción Leal stellt Da Vinci dar, und er sorgt hier für einen fesselnden Einstieg. 

Alessandro Giachetti ist sein Assistent, Kate Farley seine Muse. Diese sind nebst Da Vinci die einzig benannten Figuren, die neben den zehn weiteren Tänzer*innen den Bogen spannen zwischen dem inneren Universum des Renaissance-Künstlers und Wissenschaftlers, seinem unablässigen experimentellen Drang und dem Erschaffen. Ordnung und Chaos geben sich auf diesem Weg die Hand. Die Choreografie organisiert das Chaos. Wie in allen seinen Werken fordert Valente nicht nur die Tänzer*innen, sondern auch den Blick des Publikums mit einem Reichtum an rasanten, feinziselierten und höchst exakten Bewegungen. Er kann eine Gruppe auf ungeheuer spannende Weise bewegen, schafft immer wieder eine Synchronizität, die zugleich gegenläufig ist, sich ergänzt und sich bricht. Sein Bewegungsvokabular erweist sich hier ein gelungenes Pendant zu den Observationen und Zeichnungen Da Vincis, die so akribisch und lebendig zugleich sind. 

Hans-Holger Schmidt und Lucas Valente haben mit wenigen Mitteln (Tische, Stühle, Stellwände) den Raum fantastisch genutzt. Die Intimität geht nicht verloren, gleichzeitig scheint das Stück, auch durch das von Valente selbst konzipierte Licht, über sich selbst hinauszuwachsen und wirkt groß, ohne die Bühne zu bedrängen oder zu sprengen. 

Subtil erzählend mit eindrucksvollen Bildern

Es gibt viele eindrucksvolle Szenen in diesem sehr theatralischen, aber dabei immer subtil erzählten Stück. Die Gruppe lässt den mal sinnierenden, mal getriebenen Da Vinci mit knisternden Zetteln wie von kleinen Flügeln umschwirren, macht den Sog der Gedanken, die er der Flüchtigkeit zu entreißen versucht, sichtbar. 

Sein unablässiger Forscherdrang führte Leonardo Da Vinci auch in Seziersäle. Valente schlägt hier einen visuellen Bogen in die Kunstgeschichte über 100 Jahre nach dessen Tod zu Rembrandts Gemälde „Die Anatomie des Dr. Tulp“. Die zeitlosen schwarze Hosen und weißen Hemden (Kostüm: Christopher Parker) bekommen mit Kitteln, Schürzen und Masken dezent einen anderen Look. Wie auf dem Bild seziert hier Da Vinci, umringt von seinen Studierenden, den linken Unterarm (Lob an die Maske des Staatstheaters für die Tatort-würdige Attrappe!) einer Leiche. Sie, die Muse, entwindet sich, findet sich in einem Duett mit Da Vinci, das von zartem Suchen geprägt ist, bis sie entkommt und unter seinen Augen reglos zurückbleibt. 

Ungeheuer eindrücklich ist der Schluss des 80-minütigen Stücks. Valente evoziert hier mit vielen feinen Anspielungen (Judas' Beutel mit Silbermünzen ist eine davon) an einer langen Tafel mit Jorge Concepción Leal und den anderen zwölf Tänzer*innen die Entstehung von Da Vincis „Das Abendmahl“. Die im Gemälde zu sehenden drei Fenster werden angedeutet, der Blick auf die weite, idealisierte Landschaft dahinter projiziert. Bewegung und Tableau-Vivant-Momente wechseln einander ab. Sie lassen ein grandioses und beinahe erhabenes getanztes Bild entstehen, in dem der Schöpfer Da Vinci schließlich selbst zum Betrachter wird. 

Es ist ein mit Begeisterung aufgenommener, ungemein spannender Abend, mit dem Lucas Valente einmal mehr beweist, dass er sich des ihm hier und da noch zugeschriebenen Labels „Junger Choreograf“ längst entledigt hat. Dass der in Zürich ansässige Brasilianer irgendwann zu den Arrivierten zählen dürfte, scheint nur noch eine Frage der Zeit.

 

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