(Ein)Wirken
Double-Bill „Winterdance“ auf Malta
Von Mika Dunkel
Mit dem neuen Double-Bill führt die Bremer Kompanie Of Curious Nature ihre Auseinandersetzung mit Körperwahrnehmung und gesellschaftlicher Prägung weiter. Pau Aran entwirft in „Das Gewächshaus“ ein soziales Ökosystem zwischen Anpassung und Selbstbehauptung, während Helge Letonja untersucht, wie Körper einander formen, tragen und begrenzen. Doch wieviel Eigenständigkeit bleibt dem Individuum in einer Gemeinschaft, ohne die ein Selbst zugleich kaum denkbar ist?
Das Gewächshaus
Ein schwarzes Regal dient in Pau Arans „Das Gewächshaus“ als wandelbares Zentrum: Sitz, Liegefläche und sozialer Treffpunkt. Was zwischen Jed Nagales und Lys Cabral spielerisch beginnt, kippt mit dem Auftreten des Ensembles in eine Ordnung aus Synchronität und Abweichung. Einzelne Körper lösen sich aus der Gruppe, andere suchen ihren Platz darin. Besonders deutlich wird der Anpassungsdruck in einer Szene mit einem schweren Sessel. Ein Tänzer gibt von dort aus die Bewegungen vor, das Ensemble folgt – selbst als er das Möbel quer kippt und damit buchstäblich eine schiefe Ordnung etabliert. Unsichere Blicke verraten, dass die Gemeinsamkeit weniger aus Harmonie als aus gegenseitiger Beobachtung und Konformitätsdruck entsteht. Dem setzt Aran Bilder von Wachstum und Fürsorge entgegen. Körper richten sich auf, fallen ineinander und reagieren wie Pflanzen auf Licht oder Berührung; Kleidung wird abgelegt und einander behutsam wieder angezogen. Wenn die Tänzer*innen später am Mikrofon nach ihrer Identität gefragt werden, wird diese Suche ausdrücklich benannt. Gerade dadurch verliert die Choreografie jedoch etwas von der Offenheit ihrer stärksten Körperbilder. Arans Arbeit überzeugt vor allem dort, wo Gemeinschaft zugleich als einengendes System und tragendes Biotop sichtbar wird.
Bodily Me – Bodily Us
Helge Letonjas Arbeit setzt einen scharfen Kontrast. Ein vertikaler Lichtstreifen fällt auf die an der Rückwand aufgereihten Tänzer*innen. An den Händen verbunden, setzt sich die Gruppe in eine gemeinsame Wellenbewegung und erscheint für einen Moment wie ein einziger großer Körper. Das Licht ist Letonjas zentrales Gestaltungsmittel: Es gliedert den leeren weißen Raum, isoliert einzelne Figuren und fasst sie immer wieder zu neuen Formationen zusammen. Schleifen, Kreise und Gewichtsverlagerungen bestimmen die Bewegung.
Die Tänzer*innen stoßen, tragen und verschieben einander wie verbundene Pendel; jede Berührung setzt eine weitere Bewegung in Gang. Dabei bleibt Nähe ambivalent. Eine Umarmung kann schützen oder festhalten, das Tragen eines Körpers Fürsorge ebenso wie Verfügungsgewalt bedeuten. Besonders eindrücklich ist das Bild von Agathe Mas, um die sich die Gruppe sternförmig anordnet und deren Haarsträhnen die anderen halten – eine Szene zwischen behutsamer Schöpfung und kollektiver Kontrolle. Der Schluss vollendet eine Metamorphose, die sich durch die gesamte Arbeit zieht. Der zu Beginn noch von Schmerz und innerer Spannung gezeichnete Jed Nagales legt langsam seine Kleidung ab, als streife er eine alte Haut ab. Mit der leichter werdenden Musik (Miguel Marin) verwandelt sich der lautlose Schrei des Anfangs in einen Moment gelöster Selbstannahme. Letonja zeigt darunter kein endgültiges, „wahres“ Selbst, sondern einen Körper, der nach den vorausgegangenen Reibungen für einen Augenblick bei sich angekommen scheint. Das starke Bild schließt die Entwicklung nachvollziehbar ab, legt die zuvor offenere Bewegungssprache allerdings auch auf eine recht eindeutige Erlösungserzählung fest.
Zwischen sozialem Ökosystem und körperlichem Kraftfeld
Aran und Letonja betrachten das Verhältnis von Selbst und Gemeinschaft aus unterschiedlichen Richtungen. „Das Gewächshaus“ ist hell, erzählerisch und symbolreich. Es zeigt, wie sich ein Individuum innerhalb sozialer Ordnungen anpasst, widersetzt und neu verortet. Letonjas Arbeit ist dunkler, abstrakter und körperlich konzentrierter. Sie fragt, ob sich ein Körper unabhängig von den Kräften bewegen kann, die zwischen ihm und anderen entstehen. In der Ambivalenz der Berührungen und im Wechsel zwischen äußerer Formung und innerem Erleben knüpft Letonja zugleich an seine Produktion „Skin Deep“ aus dem Jahr 2025 an. Gerade in diesem Kontrast entwickelt der Double-Bill seine Stärke. Aran begreift Gemeinschaft als sozialen Organismus, Letonja als physisches Kraftfeld. Beide gelangen zu einem ähnlichen Befund: Identität entsteht nicht im isolierten Körper, sondern in Blicken, Berührungen, Widerständen und den Bewegungen der anderen: ohne die ein Selbst gar nicht möglich wäre.
Die Arbeiten fügen sich nicht zu einem geschlossenen Gesamtbild. Doch genau darin liegt ihr Reiz. Der Abend entfaltet sich als Spannungsfeld zwischen Anpassung und Abgrenzung, Fürsorge und Kontrolle. Jeder Körper sucht nach einer eigenen Form – und wird dabei stets von den anderen mitbewegt.
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