Eiswürfel für alle!
In München hat die Tanzwerkstatt Europa begonnen
„Brel“ von und mit Anne Teresa De Keersmaeker und Solal Mariotte beim Züricher Theaterspektakel
Schon zum 47. Mal findet das Zürcher Theaterspektakel statt, ein internationales Treffen freier Theater- und Tanzgruppen auf der Landiwiese am See. 1983 staunte das Publikum über ein Gastspiel namens „Rosas danst Rosas“. Da bewegten sich vier junge Frauen in kurzen Röcken und Straßenschuhen wie Roboter nach immergleichen Mustern: Schnaufen, Haare aus dem Gesicht streichen, Kopf in den Nacken werfen, Marschrichtung ändern, Gleichschritt wir im Militär. Dazu Minimal Musik.
Choreografin des Stücks war die Belgierin Anne Teresa de Keersmaeker (geb.1960), die auch selbst mittanzte. Seither ist sie, inzwischen weltberühmt, immer wieder beim Zürcher Theaterspektakel aufgetreten – diesmal mit dem Stück „Brel“, das letztes Jahr in Brügge uraufgeführt wurde. Welch ein Kontrast zu „Rosas danst Rosas“! Statt der repetitiven Musik von Thierry de Mey die wunderbar gefühlvollen Chansons von Jacques Brel (1929-78). Statt der disziplinierten Rosas eine oft ungewohnt lockere De Keersmaeker sowie ein kaum gebändigter ehemaliger Breaker, der 2001 in Frankreich geborene Solal Mariotte.
Über 20 Chansons erklingen ab Tonträger, romantische, melancholische, aber auch heftige bis abgründige – Jacques Brel hatte viele Gesichter. De Keersmaeker ist zunächst allein auf der Bühne, setzt sich nur langsam in Bewegung – bis sie in „La valse à mille temps“ in Fahrt gerät, sich immer schneller und raumgreifender drehend. Der erst jetzt auftauchende Mariotte markiert mit kleinen Tanz-Kunststücken seine Präsenz. Die Dame in grauem Hosenanzug mit den weißen, im Nacken zusammengebundenen Haaren nimmt er nur beiläufig wahr, äfft sie sogar einmal nach. Erst später tanzen sie aufeinander bezogen, in intensiven Sequenzen, aber einander kaum berührend. Wenn sie sich dann gelegentlich auch parallel bewegen, wird klar: Es gibt doch feste Treffpunkte. Eine durchgehende Handlung zeichnet sich nicht ab. Die einzelnen Chanson-Texte werden unablässig am unteren Bühnenrand auf Französisch und Deutsch eingeblendet – was aber eher stört statt klärt. Es lenkt zu sehr ab. Besser würde man die einzelnen Überschriften gut lesbar auf die Rückwand projizieren.
Kein Liebespaar
De Keersmaeker und Mariotte sind kein Liebespaar. Ältere Frau, von ihr hingerissener junger Mann – das spielt hier nicht. Kein komisch-erotisches Psychodrama wie im Film „Harald and Maude“. Aber dann wird das Verhältnis der Beiden doch immer herzlicher, verspielter, persönlicher. Bis hin zu „La chanson des vieux amants“ – dem leidenschaftlichen Brel-Stück, von den Tanzenden leicht ironisch interpretiert.
Es gibt auch ernste Szenen in „Brel“. Zu „Ne me quitte pas“ sitzt De Keersmaeker allein auf der Bühne, zieht sich im Halbdunkel aus, inspiziert ihren nackten Körper, zieht sich wieder an. Die extrem melancholische Atmosphäre der Musik erfasst den ganzen Raum. In „Le plat pays“ wird Brels Ode an die belgische Heimat umgedeutet: Über die Rückwand laufen Videoaufnahmen der historischen Sturmflut an der Nordsee 1953, mit vielen Toten, brechenden Dämmen, im Schlamm versinkenden Häusern, angeschwemmtem Vieh. Anderseits ein heiter-vitales Gegenstück dazu: Solal Mariotte, der in „Mathilde“ in einem Lichtkreis seine unglaublichen Breaking-Künste entfesselt. Dafür gab es riesigen Zwischenapplaus. Der große Schlussbeifall galt aber beiden, De Keersmaeker und Mariotte, die gemeinsam für Konzept, Choreografie und Performance zeichnen.
Alles in allem eine sehr schöne Produktion. Brels pathetisch-melancholische Chansons mit ihrer leichten Sentimentalität bestimmen die Atmosphäre. Der 25-jährige Solal Mariotte ist eine Entdeckung als furioser Tänzer, vielleicht auch als angehender Choreograf. Die 66-jährige Anne Teresa de Keersmaeker hat man kaum je so locker gesehen. Ihre Performance wirkt oft wie improvisiert.
Einmalig an diesem Zürcher Theaterspektakel-Abend war das Wetter: Entgegen den Prognosen regnete es. Nun hat die Seebühne zwar ein Dach, aber keine Seitenwände – Pech für all jene, die am Rand saßen. Kein Mond, nur schwarze Wolken am Himmel. Und bei den Geräuschen von aufgepeitschtem Wasser war nicht immer klar, woher sie kamen: aus den Lautsprechern oder vom irrlichternden Zürichsee.
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