Anne Teresa De Keersmaeker / Rosas: „Rosas danst Rosas“

Eiswürfel für alle!

In München hat die Tanzwerkstatt Europa begonnen

Mit großer Hitze, einem Klassiker des Postmodern Dance und einem Abend, der das Ungelenke zum Prinzip erhebt. Breiter und diverser geht es fast nicht. Doch das ist erst der Anfang.

München, 06/08/2026

Was hat der Mann? Kaum stolpert er in seinem Glitzer-Sakko mehr oder weniger direkt „aus den Wäldern Sloweniens“ auf die Bühne, frieren seine Bewegungen ein.  Der Mund bleibt dicht am Mikro offenstehen und es dauert seine Zeit, bis das Standbild bröckelt. Ein ruckelndes Glied nach dem anderen will raus aus der Starre, aber nichts geht zusammen, bis das ganze dissoziierte Körper-Ding wieder hinter dem kleinen Showvorhang verschwindet. Und dann tritt er noch einmal auf, mit Schwung und einer von vielen Perücken auf seinen kahlen Kopf. „Er“ ist der Objekttheatermacher, Tänzer und Choreograf Jan Rozman, sein Stück „Wetware“ ist das zweite Gastspiel auf der diesjährigen Tanzwerkstatt Europa (TWE). Und breiter als so hätte es fast nicht losgehen können. Denn während man bei Rozmans zwischen Stand-up-Comedy und viel Technik-Firlefanz auch inhaltlich wild herumspringendem Solo bis zum Schluss nicht recht weiß, wozu man gebeten ist, ist das bei der Eröffnungspremiere sofort sonnenklar. Anne Teresa de Keersmaekers „Rosas danst Rosas“ ist ein Meilenstein der jüngeren Tanzgeschichte. 1983 uraufgeführt, hat der Abend weit über 500 Vorstellungen hinter sich. Entsprechend schlägt ihm und der brandneuen Besetzung in München eine Mischung aus Spannung, Hochachtungs-Vorschuss und heimeligem Gefühl entgegen, denn  das Stück oder zumindest die Film-Doku von Thierry De Mey haben viele Fans des zeitgenössischen Tanzes schon mindestens einmal gesehen. Eine erneute Kritik eines derart ikonischen Werkes erübrigt sich. Aber es ist spannend zu sehen, dass gerade die kleinen, semi-privaten Gesten im minimalistischen, stark ritualisierten Ganzen die 43 Jahre verraten, die das von Beginn an als feministisch rezipierte Stück schon auf dem Buckel hat. Und die weiten weichen Kostüme, die die Körper der Tänzerinnen sowohl verbergen als auch partiell freilegen, wenn der sich weitende Ausschnitt immer tiefer über die Schulter rutscht. 

Die Freude darüber, wie fein Keersmaeker (weibliche) Alltagsgesten (der Achtzigerjahre) in ihre genau getakteten Bewegungsloops integriert, ist dennoch groß – und wird nur von einigen Längen und der Hitzeglocke getrübt, unter der auch das Publikum köchelt. Beim Eröffnungsumtrunk im Anschluss wirken die vier Tänzerinnen, die sich im Finale des vierteiligen Abends mächtig verausgabten, bei weitem am frischesten. Ob man das nun als Beweis dafür nimmt, dass sie als Rosas-Tänzerinnen sowieso zu den besonders Toughen gehören, wie TWE-Leiter Walter Heun bemerkt, oder als Werbung für das Tanztraining an sich, das man unter dem Dach der „Werkstatt“ in ganzen dreißig Workshops vervollkommnen kann, sei dahingestellt.

Fünf weitere Performances sind noch bis zum 14. August in der Muffathalle, dem HochX und im Schwere Reiter zu sehen. Die jährlich beliebter werdende „Open Stage“ für den Nachwuchs und die traditionell mir der Abschluss-Party endende „Final Lecture“ sind dabei ebenso wenig mitgezählt wie die erstmals veranstaltete „Open Jam“ und das riesige „Urban Dance Battle“ am kommenden Sonntag. Als nächstes freuen wir uns auf Zinadas „Nami“, wegen des ungeheuren Muts, mit dem Jin Lee ausgerechnet gemeinsam mit ihrer Mutter das Thema fehlende Mutterliebe angeht, aber auch aus grundsätzlicher Bewunderung für das junge Münchner Duo. Und auch „Vagabundus“, ein Stück des „SEDA – European Dance Award“-Preisträgers Idio Chichava mit 13 Tänzer*innen seiner mosambikanischen Cia Converge+ verspricht ein Ereignis zu werden.  (7. Und 8. August, Muffathalle)

Eine Frage, die die an der Schnittstelle vieler Künste operierende TWE immer wieder provoziert, wird sich bei diesen beiden Veranstaltungen sicher nicht stellen: Ist das überhaupt noch Tanz? An Rozman aber kann man sie richten, dessen Bewegungen zwischen vielen Worten und technischen Interventionen eher ungelenk wirken. Auch seine Perücken sitzen schief, seine Publikumsanimation ist plump-frontal und seine Witze sind so schlecht wie sein Lachen falsch ist. Alles mutwillig, schon klar! Die Unzulänglichkeit des Menschlichen und die Unabgeschmecktheit zwischen den Anforderungen der Konsumgesellschaft und diverser Smart Devices, die für uns das Denken übernommen haben, ist Programm. Ob dieses Programm eine ganze Performance trägt, muss er sich dennoch fragen lassen. 

Der Hitzeglocke, die die ersten Festivaltage eigentlich keine Unterschiede zwischen Stars und Zuschauer-Pöbel macht, zeigt sich Rozman dagegen gewachsen. Und so blicken alle neidisch auf das mit Eiswürfeln gefüllte Plantschbecken, in das er am Ende von „Wetware“ steigt, um danach festzustellen, dass die Bar des HochX keine Eis in Petto hat. Ein Wunsch für die nächsten heißen Tanz-Tage: Eiswürfel für alle! Sponsoren vor!

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