Tanz für den Frieden
„5 Seasons“ von Edvin Revazov in der Elbphilharmonie
Es ist schon erstaunlich, was Edvin Revazov innerhalb kürzester Zeit als Choreograf so aus dem Ärmel schüttelt. Er ist ja nicht nur Erster Solist des Hamburg Ballett, sondern gleichzeitig auch Initiator und Künstlerischer Leiter des Hamburger Kammerballetts, einem Ensemble aus sechs vor dem Krieg aus der Ukraine geflüchteten Tänzer*innen. Am 30. September 2026 wurde seine neueste Kreation „Ein deutsches Requiem“ zu Musik von Johannes Brahms für Chor und Orchester in der Hauptkirche St. Trinitatis in Hamburg-Altona aus der Taufe gehoben. Keine leichte Aufgabe, setzt sich dieses Werk in sieben Sätzen ja mit schwergewichtigen Themen wie Leid, Trauer, Trost und Hoffnung auseinander. Als „deutsches“ Requiem wird das Werk bezeichnet, weil es verschiedene deutsche Bibeltexte vertont, keine lateinischen, wie sonst in den katholischen Liturgien. Brahms, in Hamburg geboren, war konfessionell nicht festgelegt.
Erstmals gab es für diese Premiere eine Zusammenarbeit des Hamburger Kammerballetts mit dem Alumni-Orchester und Alumni-Chor des Christianeums Hamburg (einem der drei humanistischen Gymnasien der Hansestadt) unter der kundigen und souveränen Leitung von Dietmar Schünicke.
Brahms‘ Messe sei weniger eine Totenmesse als ein Requiem für die Hinterbliebenen, betonte Pastor Torsten Morche in seiner kurzen Einführung. Die Texte liefen auf die Lebenden zu, nicht auf die Toten. Mit der Vergänglichkeit leben zu müssen, betreffe letztlich uns alle. Die Kombination aus Tanz und Musik sei bewegend in einer umfassenden Form, das halte den Abend zusammen.
Ein besonderer Bezug
Die sechs Tänzer*innen des Hamburger Kammerballetts, in schlichte rote Hosenanzüge gekleidet, haben ebenso wie Edvin Revazov und auch der Gasttänzer Artem Prokopchuk als gebürtige Ukrainer*innen einen besonderen Bezug zu den Themen, die die Musik spiegelt. Mit Verlust, Leid und Schmerz müssen sie sich angesichts des anhaltenden Krieges in der Ukraine täglich auseinandersetzen, und ebenso mit Trost, Zuversicht und Hoffnung.
All das erlebt man an diesem Abend mit diesem kleinen, aber exquisit auftanzenden Ensemble besonders intensiv. Edvin Revazov findet in seiner Choreografie vielfältige Ausdrucksformen in Soli, Pas de Deux und Pas de Six, um all die Gefühle in Tanz umzusetzen und ihnen eine eigene Bewegungssprache zu verleihen. Das ist nie schwülstig, sondern bleibt schlicht, aber gerade deshalb so eindrücklich.
Besonders ins Auge fielen hier die Soli von Vladislav Bondar und Alisa Nikitina sowie ein Pas de Deux mit Viktoriia Miroshyna und Artem Prokopchuk, der als Solist beim Hamburg Ballett tanzt, die mit ihrer Expressivität tief berührten. Auch Paula Iniesta als Gast, Gruppentänzerin beim Hamburg Ballett, vermittelte mit ihrer feinen Linie und wunderbaren Ruhe in den Bewegungen zusammen mit Artem Prokopchuk genau das, was der Text aussagt: „Sehet mich an: Ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt und habe großen Trost gefunden.“ Ein bewegender Abend in jeder Hinsicht.
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