Junior Ballett Zürich mit Augenblicken aus Zwischenwelten
Das Junior Ballett Zürich setzt mit der Inszenierung „IRIS“ des englischen Shootingstars Douglas Lee atemberaubende Akzente am Opernhaus Zürich.
Ein über 60-köpfiges Orchester erfordert „Beome Ocean“ von John Luther Adams. Dessen dreiteilige Platzierung auf einer Bühne hat der Komponist penibel vorgebeben: zwei Harfen, zahlreiches Schlagwerk, jede Menge Streichinstrumente, ein Piano und, und, und ... Das rund einstündige Werk, ausgezeichnet mit dem Pulitzer-Preis für Musik und einem Grammy, teilte schon bei seiner Uraufführung 2013 die Hörer*Innen in zwei Lager. Für die einen war das musikalische Material nach 20 Minuten erschöpft, für die anderen taugte die Komposition zum Jahrhundertereignis.
Zum musikalischen Fanclub gehört das in Brüssel lebende Choreografen-Duo LEE/VAKULYA (bestehend aus der taiwanesischen Tänzerin und Choreografin Chen-Wei-Lee und ihrem ungarischen Kollegen Zoltán Vakulya). Auf Einladung des Hessischen Staatsballetts, genauer gesagt, dessen Direktors Bruno Heynderickx, erarbeiteten die Beiden eine Choreografie zu dem monumentalen Orchesterwerk. Eine Koproduktion mit dem National Theatre in Taiwan erlaubte es, bei Bühne, Licht und Kostümen ins Volle zu greifen – mit außerordentlichem Resultat. Kurz gesagt: Die Uraufführung in Darmstadt (ab April steht das Werk auch in Wiesbaden auf dem Spielplan) geriet zum umjubelten Event.
Wie sehr die Bühnengestaltung (Yoko Seyama) und das Lichtdesign (Joanne Shyue) die Gesamtwirkung prägen, zeigt sich schon an der Tatsache, dass beide Komponenten in einem Prolog (mit eigenem Sounddesign) vorab die leere Bühne bespielen. Ein geheimnisvolles silbern glitzerndes Objekt mit einer netzartigen Wabenstruktur taucht dabei quasi aus der Tiefe des Ozeans auf und hängt später als bewegliche Wolke über der Bühne.
Die Wellen mit dem Taktstock bändigen
Es dauert eine ganze Weile, bis zum ersten Mal hinter dem halbrunden Vorhang, der den Bühnenraum rückwärtig begrenzt, der Dirigent durchblitzt – und klar wird, dass das gesamte Orchester im Bühnenhintergrund platziert ist. Nikolas Kierdorf bewegt den Taktstock mit so ausladenden Gesten, als wolle er die Wellen selbst bändigen, die in diesem Stück hörbar werden. Man kann förmlich spüren, wie sehr ihn die Herausforderung reizt, eine monumentale zeitgenössische Komposition zu dirigieren, die vor nicht einmal zehn Jahren in Deutschland uraufgeführt wurde. Von da an ist der geführte Blick aufs Orchester – mal so klar wie möglich, mal nur als ferne Lichterkulisse – Teil des choreografischen Gesamtbildes. Hinsehen, hinhören: Charakteristisch für die Komposition ist eine Mischung aus Minimal Music, sensiblen Harmonien, aber auch einer räumlich wirkenden Textur, in der die Stille und die Wucht des Ozeans gleichermaßen verwoben sind.
Jeder Zentimeter der großen Bühne vom Eisernen Vorhang bis zur Rampe ist in dieser Produktion ausgereizt: von den dicht gedrängt sitzenden Musiker*Innen bis zur großen Tanzfläche, die zwölf Tänzer*Innen des Hessischen Staatsballetts gehört. Kostümbildner Damur Huang hat sie individuell in vertraut wirkende Styles gehüllt, die erst auf den zweiten Blick leichte Irritationen preisgeben: Männer in fließenden, „weiblich“ konnotierten Palazzohosen unterschiedlicher Länge, asymmetrische Details an Säumen und Ärmeln, mehrdeutige Hinweise auf Paar-Zusammengehörigkeit durch Formen und Farben (grau, dunkelblau, blasses Altrosa).
Die große Gruppe, weit auf der Bühne verteilt, wiegt sich anfangs gegen einen unsichtbaren Widerstand von einem Bein aufs andere. Bewegung entfaltet sich langsam, aber stetig – immer gemeinsam und doch mit dem Fokus auf Einzelnen, die ein neues Element in das Geschehen tragen. In der langsamen, unaufhaltsamen Steigerung dieser Energie, im Verweben der Gruppenbewegungen in Wellen und Strudeln, im eigenständigen Dialog mit der Musik entfaltet „Become Ocean“ einen ganz eigenen, starken Bewegungssog. Jeder eigenständig und doch ein gemeinsames Ganzes: Hier wird wenig mit simplem Unisono gearbeitet, aber viel mit rhythmischen Strukturen, mit langsamen, aber unaufhaltsamen Steigerungen, mit eruptiven Solos und Duos, die an Bewegungsgrenzen gehen.
Wenn nach einer Stunde die Wolke langsam zum Bühnenboden segelt, befindet sich das Publikum längst im Sog des künstlerischen Ozeans – und sorgt für Jubelschreie und Standing Ovations. Das Hessische Staatsballett, dem in dieser Saison schon mit dem Signaturstück „Corps de Walk“ von Sharon Eyal ein publikumswirksamer Coup gelang, setzt sich hier im Gegensatz zum betulich wirkenden Namen bestens zeitgenössisch in Szene.
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