„Como el musguito en la piedra, ay sí, sí, sí ...” von Pina Bausch. Tanz: Ensemble

Lebenslust und Todesahnung

Wiedereinstudierung von Pina Bauschs „Como el musguito en la piedra, ay sí, sí, sí …” in Wuppertal

Zu sechs Tanzenden aus der Uraufführung kommen neun neue hinzu. Einige haben die Choreografin gar nicht mehr gekannt, doch alle Mitwirkenden füllen ihre Rollen in diesem zeitlosen Stück großartig aus – ganz in Pinas Geist.

Wuppertal, 22/09/2026

Der Saal ist noch hell. Auf der weißen Bühne mit schwarzem Hintergrund erscheint eine Tänzerin im weißen Kleid. Kauert sich auf allen Vieren. Zwei Männer kommen, heben sie hoch. Tragen sie herum. Sie beginnt sogleich panisch zu schreien. Wieder abgesetzt verstummt sie. Die Szene wiederholt sich mehrfach. Später tanzt sie ein bewegendes Solo. Ein anderes Paar klammert sich aneinander, wird von anderen Tanzenden auseinandergezerrt ...

Mit dramatischen, aber auch skurrilen Szenen beginnt das „Como el musguito en la piedra, ay sí, sí, sí ...” (Wie das Moos am Stein, ach ja, ja, ja ...“). Am Ende kehren diese Bilder wieder: Das Paar klammert sich aneinander, wird erneut auseinandergerissen. Die Frau im weißen Kleid kauert sich hin. Doch dann wird es dunkel ... Bleibt sie nun ungeschoren oder wird sie wieder drangsaliert? Dazwischen entführt uns das Ensemble in ein mehr als zweistündiges Traumspiel. Es erzählt – wie immer in den Choreografien der Pina Bausch – keine durchgehende Geschichte. Sondern im meist hellen Saal erleben wir eine Folge von diversen Einzel- und Gruppenszenen mit zahlreichen individuellen Soli und extrem unterschiedlicher Musik. Wir träumen mit.

Eine führt einen Blechfisch an der Leine und fordert ihn zum Schwimmen auf. Zwei laufen mit verbundenen Augen auf der Bühne hin und her, eine fotografiert. Mit roten High Heels stolziert ein Mann im Jackett ohne Hose über die Bühne. In einem Rucksack trägt eine Frau einen riesigen Baum. Immer wieder jagen Männer eine Frau. Doch die diese wissen sich zu wehren. Auch die vielen Pas de deux erzeugen schräge Szenen. Eine kleine Tänzerin hängt als Pendel am Hals eines Tänzers. Der weiße Bühnenboden zeigt gewaltige Risse. Wir erleben Bilder in einer aus den Fugen geratenen Welt. 

Aber wir spüren auch viel Lebenslust, gerade in den gemeinsamen Tänzen oder den vielen Soli. Eng hintereinander sitzen die Ensemblemitglieder auf der Bühne und kraulen die Haare der vor ihnen Sitzenden. Alle lehnen sich zurück, wieder aufrecht kraulen sie weiter. Eine strickende Frau zieht einen Schwarm von Tänzerinnen an einem endlos langen Schal über die Bühne. Die Compagnie tanzt mit leeren Weinflaschen. Eine Frau verteilt Korken. Unendlich viele Korken, mit denen sie sich alle bespucken. 

Mit freien Alltagsgesten, kunstvollen Drehungen, bizarren Zuckungen, weit schwingenden Armen und ausgefallenen Gebärden vermitteln uns die Solo-Tanzenden intensive Gefühle. Sie bewegen sich höchst individuell, folgen keiner einheitlichen Tanzsprache – lediglich der Geist des klassischen Ausdruckstanzes ist zu spüren. So evozieren sie Lebensfreude. Tanzlust. Glück. Verlustängste. Trennungsschmerz. Zu blecherner, melancholischer, trauriger, aufgedrehter Musik im krassen Wechsel.

Einmal wütet ein schwarz Gekleideter vor der schwarzen Wand. Trauer und Wut mischen sich in seinem Tanz. Später verzweifelt eine langjährige Tänzerin voller Schmerz in ihrem Solo. Jemand verteilt zahlreiche Grablichter und zündet sie an. Es wird dunkel, das Ensemble liegt dazwischen auf dem Boden. Jeweils mit einem Licht gehen alle davon. Nach solchen Situationen wird die Stimmung wieder übermütig oder skurril. Doch immer wieder scheint eine Todesahnung durch dieses letzte Werk Pina Bauschs zu ziehen. Wenige Wochen nach der ersten Aufführung im Wuppertaler Tanztheater im Juni 2009 starb Pina Bausch überraschend. Im Rückblick wirkt ihr „Como el musguito ...“ wie ein Schwanengesang.

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