Session #3 von Ceren Oran & Moving Borders in München

Who Can Be a Dancer?

Think Tank #3 von Ceren Oran & Moving Borders in München

Ceren Oran lud im Kulturzentrum Giesinger Bahnhof Tanzexpert*innen zum Thema „Intergenerationaler Tanz” ein.

München, 01/11/2022

Das Feld des partizipativen Tanzes hat sich in den letzten Jahren immer weiter ausgeweitet. „Tanz für junges Publikum” ist längst kein Nischenprogramm mehr, Vermittlungsformate und soziale Aspekte des Tanzes rücken immer weiter in den Vordergrund und Institution sowie Künstler*innen, die sich an der Schnittstelle von Kultur und Bildung bewegen, werden immer sichtbarer und setzen sich für mehr kulturpolitische und gesellschaftliche Anerkennung ein („but we don’t want to talk about money”). Der Wunsch nach mehr Diversität ist nicht nur in der Gesellschaft ein immer wichtigeres Thema geworden, sondern wird auch im Tanz verstärkt zum Gegenstand, denn gerade durch Tanz lässt sich anschaulich hinterfragen, auf welche Weise Körper sich versammeln, miteinander agieren, in einen Dialog treten:

Who can be a dancer?

Welche Geschichten, die wir normalerweise nicht auf der Bühne sehen, können durch Körper erzählt werden? 

Wie können sich gemischte Altersgruppen gegenseitig in einem kreativen, künstlerischen Prozess bereichern und voneinander lernen?

Welche Erwartungen haben wir als Publikum an Jung und Alt?

Alles Fragen, die die dritte Session von Ceren Oran & Moving Borders in München beschäftigten und zu reger Diskussion anregten. Ceren Oran, die bereits im Februar und Mai dieses Jahres zwei Sessions zu den Themen „Tanz filmen“ und „Komponieren für Tanz und Theater“ organisierte, lud dieses Mal am im Giesinger Bahnhof Tanzexpert*innen zum Thema „Intergenerationaler Tanz” ein. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Simone Schulte-Aladag. 

Mit dabei war die israelische Choreografin Galit Liss, die als Teil ihrer künstlerischen und sozialen Agenda ausschließlich mit Frauen im Alter von 65 bis 80 Jahren ohne professionelle Bühnenausbildung zusammenarbeitet. Video-Exempel ihrer Stücke „Go” & „Blue Zone” berühren mit politischer Strahlkraft, Ehrlichkeit, Fragilität und zeigen, dass es auch anders geht – sie setzen ein Zeichen für die Vielfalt und Attraktivität von tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Galit Liss' Entscheidung in ihrem Stück „Go” ihre golden-aged Tänzer*innen mit gespreizten Beinen und Unterhose zu zeigen, während sie ihr Becken rhythmisch hin und her bewegen, macht es fast überflüssig gemeinsam über Stereotypen von Körperbildern bei älteren Frauen zu diskutieren. 

Die Tänzerinnen von Galit Liss sind keinen klassischen Weg einer Tanzkarriere gegangen, sondern größtenteils über Umwege zum Tanz und ins Ensemble gekommen. Was die Videoaufzeichnungen ihrer Stücke aber zeigen, ist alles andere als unprofessionell, sondern präzise, virtuos und ausdrucksstark. Immer wieder während des dreitägigen Austauschformats stellt sich - wie auch hier - die Frage: Wann wird eigentlich ein „non-dancer” zum „dancer”? Wo liegt der Unterschied, was definiert den Grenzbereich?

Die Choreografin und Tänzerin Sanja Tropp Frühwald, ebenfalls eingeladene Expertin, bereicherte die Diskussion mit ihrer Perspektive über ihre Arbeit mit dem Schwerpunkt „Tanz für junges Publikum” und teilte ihre Erfahrungen über die Besonderheiten und Herausforderungen von Tanzproduktionen mit Darsteller*innen verschiedener Generationen. So etwa über ihre Produktion „Tiger Lilien”, ein Stück über Mädchen und Frauen aus der Sicht verschiedener Generationen. Die jüngste ist neun, die älteste ist 80 Jahre alt. Dazwischen liegt ein ganzes Leben. Wenn Sanja Tropp Frühwald mit ihrem Stück auf Tour geht, muss sie Verantwortung für die jungen Tänzer*innen übernehmen. „I become a mum”, „connections get very strong” and „every process wakes up new questions”.

Schlüsselwort Organisation: wohl die Hauptaufgabe, wenn es um intergenerationelles Arbeiten geht. Das können alle in der Runde bestätigen. Wann und wie lange hat die Performer*in Schule? Wer kann das Kind zur Probe bringen und wieder abholen? Eltern werden zu wichtigen Mitspielern einer Produktion. Aber auch die älteren Tänzer*innen bringen ihre individuellen Bedürfnisse mit, brauchen meist mehr Zeit, um sich die Abläufe zu merken und sind schon eine halbe Stunde früher im Proberaum, um sich aufzuwärmen…

So werden organisatorische Produktionsfragen zu gesellschaftlichen Fragestellungen: Wie wollen wir zusammenleben? Wie können wir eine gemeinsame Arbeitsweise und Sprache finden, respektvoll miteinander umgehen und uns gegenseitig bereichern?

Die Choreografin und Tänzerin Paula Niehof rundete den Diskurs thematisch ab, denn sie spielt mit ihrer Partnerin Laura Saumweber (contweedancecollective) nicht nur für junges Publikum, sondern zeigte ihre Tanzproduktionen inzwischen auch in über 50 Altersheimen. Paula Niehof beschreibt die für sie prägnanten und inspirierenden Unterschiede im Publikum „energy-wise” und wie das Feedback aus den Zuschauerreihen wiederum ihre Arbeiten und künstlerischen Prozesse beeinflussen, wertvoller machen. „Aber man kann es schwer beschreiben, man muss es erleben”.

Die Veranstaltung war Teil eines dreitägigen künstlerischen Treffens. Münchner Tänzer*innen, Pädagog*innen und Laientänzer*innen aller Altersstufen erprobten an den darauffolgenden Tagen das Gesehene in der Paxis und kamen gemeinsam mit den internationalen Expert*innen in Bewegung und einen fruchtbaren Austausch. 

Auch auf die nächste Session #4 von Ceren Oran & Moving Borders darf man gespannt sein. Diese wird sich mit den Fragen rund um das Thema „Motherhood and Dance” beschäftigen.
 

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