„In Hell with Jesus" von Cie. Ivo Dimchev

Wenn der Tanz fehlt

„Sensorial Transference“ von Anne Juren und Ivo Dimchevs „In Hell with Jesus“ bei ImPulsTanz

Während sich Juren immerhin noch mit dem Körper beschäftigt, fröhnt Dimchev in seiner musicalhaften Performance dem Hang zur Provokation.

Wien, 02/08/2022

Man hat das Gefühl, dass man in einer Arztpraxis gelandet ist: unter dem durchsichtigen Bühnenboden sind anatomische Abbildungen und Texte verteilt, in der Mitte steht eine Behandlungsliege, auf der ein Berg von Magnetbändern aus Videokassetten liegt. Wenn das Publikum die Dunkelkammer des Volkstheaters betritt, sitzt Anne Juren bereits auf der Bühne und wäscht kurze Mullbinden. Der intime runde Theaterraum unter dem Dach ist stickig heiß, doch man hat an alles gedacht: der Publikumsdienst verteilt Wasserflaschen, gekühlte feuchte Handtücher und Fächer.

„Sensorial Transference“, das bei ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival nun zur Uraufführung gekommen ist, ist eine Mischung aus Lecture Demonstration und Körperarbeit. Zu Beginn berichtet Juren von der Arbeit mit dem Körper und erklärt den Hintergrund ihres Stückes. Schon länger beschäftigt sie sich mit der Theorie, dass man über einen stellvertretenden Körper selbst auch körperliche Empfindungen haben kann. Sie zeigt Videos von „Behandlungen“, die bereits stattgefunden haben und erklärt diese teilweise.

Dann folgt eine „Behandlung“ von Linda Samaraweerová, die als stellvertretender Körper von Catarina Mora dient. Mora lebt in Brüssel und befindet sich ebendort. Das Publikum wird eingeladen, selbst zu spüren, was gerade an Samaraweerová angewendet wird – es erinnert an eine Cranio-Sacral-Therapie. Am Ende beginnt es zu schneien und Juren tanzt doch noch ein bisschen. Körperarbeit und die Beschäftigung mit der Körperwahrnehmung sind wichtige Themen (nicht nur) für Tänzer*innen. Ob das allerdings ein ganzes Stück rechtfertigt, sei dahin gestellt …

„In Hell with Jesus“ hätte ein spannendes Stück werden können: Im Programmheft liest man als Inhaltsangabe, dass sechs Personen in einer Schwulenbar erschossen worden sind. Sie alle landen, ebenso wie der Attentäter, in der Hölle und beschäftigen sich dort mit existenziellen Fragen. Doch bei der Uraufführung im Rahmen von ImPulsTanz sieht man etwas vollkommen anderes …

Dimchev kreiert eine Auditionsituation. Nach der Reihe lässt er fünf Performer*innen für die einzelnen Rollen seines Stückes vorsprechen bzw. vorsingen. Ihnen stellt er „existenzielle“ Entscheidungsfragen wie z. B. „big dick or great sense of humor“, „sex with Putin or the Dalai Lama“, „rich in Russia or famous in China”. Die Fragen werden auch immer wieder an das Publikum gerichtet, das diese mit Begeisterung beantwortet. Ein weiterer Performer tritt auf, er steht nicht auf der Auditionliste, doch sein Name ist Jesus und schließlich heißt das Stück „In Hell with Jesus“.

Seit 2007 ist Ivo Dimchev, queerer bulgarischer Choreograf, Performer, Singer-Songwriter mit beeindruckender Stimme, Stammgast bei ImPulsTanz. Immer wieder beschäftigt er sich mit Randthemen, sucht die Provokation und hat sichtbar Spaß daran. Die nicht jugendfreien Songtexte, die sich teilweise um sexuelle Praktiken drehen, stehen in krassem Gegensatz zu den musicalhaften Kompositionen von Dimchev. Verdrängt man die Beschreibung im Programmheft und sein Schamgefühl, so hat man doch vergnügliche 90 Minuten. Dazu tragen vor allem auch die ausgezeichneten Stimmen der Performer*innen bei. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob das Stück bei ImPulsTanz am richtigen Ort ist. Denn das Publikumsinteresse hält sich in Grenzen, der Balkon des Akademietheaters ist gesperrt.
 

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