„Romeo und Julia“ von David Dawson, Tanz: Jón Vallejo (Mercutio), Alejandro Martínez (Benvolio), Julian Amir Lacey (Romeo), Marcelo Gomes (Tybalt), Ensemble

Keine Versöhnung möglich

David Dawsons „Romeo und Julia“ für das Dresdner Semperoper Ballett

Eine Choreografie, die sich mutig den enormen Herausforderungen dieses Meisterwerkes stellt

Dresden, 08/11/2022

Es ist der Klassiker unter den Handlungsballetten des 20. Jahrhunderts, und wie man sieht, dieser Erfolg setzt sich fort. Wenn sich heute ein Choreograf den Herausforderungen einer Neudeutung, natürlich unter Wahrung der Vorgaben des Librettos von Lawrowski und Prokofjew stellt, dann geht er immer ein Wagnis ein. Dass aber zu diesem Wagnis auch der Mut gehört, ganz eigene, aus historischem Rückblick, sensibler Wahrnehmung der Gegenwart, und dem unverstellten Blick auf die Zukunft, Akzente zu setzen ist dann in keiner Weise als Widerspruch zu sehen. Jedenfalls nicht in David Dawsons Dresdner choreografischer Uraufführung.

In Dresden zudem, das wurde am Abend der Premiere sehr deutlich, gibt es noch eine besondere Herausforderung. Es ist das Spiel der Sächsischen Staatskapelle unter der Leitung von Benjamin Pope. Mit welcher Resonanz der Vielschichtigkeit dieser Partitur, seien es die starken und dramatischen Klangbilder, dann wieder die Momente der Zärtlichkeit – immer aber, so in der berühmten Balkonszene – unterlegt von mitunter kaum wahrnehmbaren, aber dann doch hörbaren Klängen sich abzeichnender Tragik. Prokofjew ist zudem ein Meister der Rhythmik, des Tänzerischen, und dann auch des klingenden Humors.
Meisterhaft wird in Dresden unter der Leitung dieses balletterfahrenen Dirigenten musiziert, und wenn sich nach dem Vorspiel der Vorhang öffnet, hat der Klang schon so viele Bilder erzeugt, Assoziationen geweckt, dass man sich darauf einstellen darf, wie nun die bewegte und immer wieder zutiefst bewegende Sprache des Tanzes sich mit der des Klanges und des Raumes vereint.
Den Raum und die Kostüme hat Jérôme Kaplan entworfen. Bei ihm bildet eine zeitlose Architektur aus schroffem, bedrohlich grauem Beton so etwas wie die unüberwindbare Begrenzung der Bühne. Dass es in diesem Beton dennoch so etwas wie Lichtblicke geben kann, verdankt sich dem Tanz, etwa in der so grandiosen wie berührenden Balkonszene. Hier aber, auch das spricht für diese Inszenierung, erfahren die bedrohlich, dunklen Untertöne der eigentlich sich aufschwingenden Musik des Tanzes, so etwas wie eine hier noch nicht unbedingt wahrzunehmende Warnung.
Und dann fügt es sich, dass eben alle an diesem Beton scheitern werden, Romeo und seine Freunde im jugendlichen Irrtum – wenn nötig mit Humor – gegen die Härte des Betons anzugehen, stärker noch mit den Emotionen liebevoller Zuneigung.
Und in einer solchen Szenerie, bei so hart betonierter Ausweglosigkeit für die Liebenden der verfeindeten Clans, Romeo für die Montagues und Julia für die Capulets, folgt Dawson auch Cranko, der schon im Blick auf die Zeit der 60er Jahre es nicht mehr für möglich hielt, wie im Original – das Ballett mit der Versöhnung der feindlichen Familien enden zu lassen.

Die Visionen sind somit, und auch jetzt in Dresden, bei David Dawson, ganz und gar nicht, außer Kraft gesetzt: Ayaha Tsunaki als Julia und Julian Amir Lacey als Romeo. Er jünglinghaft, ganz in weiß, sie in changierenden Farbtönen, bei denen das Weiß übergeht in leichte, aber wahrnehmbare, dunklere Einfärbungen. Wunderbar die Facetten der Leichtigkeit bei Ayaha Tsunaki, weit entfernt von möglichem Leichtsinn und im Verlauf dieses am Ende tödlichen Dramas, auf die letzte Chance des vorgetäuschten Todes, ist im Grunde von ganz anderen Empfindungen ihrer Ausstrahlung geprägt als von möglichen Momenten einer Hoffnung.

Erstaunlich, wie es diesem Romeo von Julian Amir Lacey gelingt, auch mit Unsicherheiten seiner Person umzugehen, wie er zögernde Momente wagt, ja mitunter auch knappe Eindrücke von gedankenverlorener Einsamkeit zu gestalten weiß. Es ist somit nicht der Tanz mit seinen enormen Anforderungen allein, es ist die persönliche Individualität dieses Jünglings, der letztlich viel zu jung scheint um diesen Anforderungen zwischen den Fronten gerecht werden zu können. Perfektion allein hätte da nicht gereicht.

Und da sind die Freunde Romeos: Mercutio, getanzt von Jón Vallejo und Alejandro Martínez als Benvolio. Das reine Besetzungsglück. So wie bereits John Cranko deren Bedeutung, besonders die des Mercutio, so grandios zu deuten verstand, so gelingt es nun David Dawson hier eine dramatische Beziehungstragödie, von der allerdings Romeo, dessen Zuneigung nun ja einzig Julia gilt, so gut wie nichts mitbekommt. Wenn sich hier Benvolio dem Mercutio zunächst heimlich, dann offensichtlicher, in erotischer Zuneigung nähert, dann lässt sich Mercutio darauf ein. Aber, das kann ein so charakter- und nuancenreicher Tänzer wie Jón Vallejo erkennbar machen, seine Zuneigung gilt Romeo und wenn er an dem tödlichen Stoß von Julias Cousin Tybalt, getanzt von Marcelo Gomes, sterben wird, dann gilt sein tragikomischer Totentanz, immer wieder mit jenem Aufbäumen in der Kraft des Humors, eben seinem Freund Romeo. Und hier ist diese Interpretation ganz nah bei Shakespeare. Er ist der Meister der Tragödie voll Humor und Witz, vom harmlosen Scherz bis zur zynischen und bitteren Ironie, bei ihm tritt aus dem Komödienton umso gewaltiger der Ernst hervor.

Einen so glühenden wie brennenden, roten, widerständigen Hoffnungsschein ihres Kleides setzt die hoheitsvolle Erscheinung der Tänzerin Sangeun Lee als Lady Capulet. Auch wenn sie alle Schranken durchbricht und in ihrer Trauer um den getöteten Tybalt mehr als deutlich werden lässt dass es hier um weit mehr geht als um den Abschied von einem Verwandten. Als sei es Rache, sie wird das Unglück Julias nicht erkennen wollen und daran festhalten mit dem machtlosen Gatten, wie ihn Christian Bauch fast in dezentem Unglück zu charakterisieren weiß: Julia heiratet Graf Paris. Warum sollen Töchter glücklicher sein als Mütter? Gareth Haw als Paris bleibt auf verlorenem Posten, tragische Komik des Gehorsams.
Und doch, das macht nun auch die Dresdner Aufführung aus: Eine Versöhnung der verfeindeten Familien, wie im ursprünglichen Libretto vorgesehen, gibt es nicht. Und doch, der Tanz mit seinen so vielen Facetten der wortlosen Sprache, im Zusammenklang mit der genialen Musik, macht es möglich bei aller Tragik, Momente von schönster Poesie zu erleben.

 

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