„Crescendo“ von Stephan Thoss. Alexandra Chloe Samion, Joris Bergmans
„Crescendo“ von Stephan Thoss. Alexandra Chloe Samion, Joris Bergmans

Klang- und Scherbenzauber

„Crescendo“ – der neue Tanzabend von Stephan Thoss im Mannheimer Nationaltheater

Aber an diesem Abend wird der außerordentlichen Musik gehuldigt. Sie bestimmt nicht nur den Rhythmus, sondern Stimmung, Färbung und Timing des szenischen Geschehens.

Mannheim, 17/06/2021

Am Ende von gut einer Stunde, nach euphorischem Applaus und etwas abruptem Fallen des letzten Vorhangs, rieben sich die Besucher*innen des Mannheimer Opernhauses noch ein wenig benommen die Augen: So schnell wollte der Zauber des neuen Tanzabends „Crescendo“ nicht verfliegen. Dabei hatte Zaubermeister Stephan Thoss (Choreografie, Bühne, Kostüme) nicht einmal wie üblich auf der Bühne persönlich den Beifall des Publikums entgegengenommen. Der Abend gehörte bis hin zur Choreografie der Schlussaufstellung dem Tanzensemble, das nach langer Zeit digitaler Auftritte endlich wieder live zu sehen war, und seinem Zusammenspiel mit den Musiker*innen.

Es ist ein magischer Moment, in dem Perkussionist Jens Knoop auf der Bühne langen Blickkontakt mit dem Tänzer Alberto Terribile hält (auf Corona-Abstand, tatsächlich!). Trotzdem: Da springt sichtbar ein Funke über. Spätestens von diesem Augenblick scheint es, als sei da gar kein Choreograf mehr im Spiel gewesen, als würde die Musik direkt auf die Körper der fünfzehn famosen Mannheimer Tänzer*innen überspringen. An diesem Abend ist ein mächtiger Bühnenzauber am Werk, der das Theatergeschehen bündelt und verstärkt. Und so konnte der Mannheimer Ballettintendant bei der Premiere lässig zurücktreten – „Crescendo“ ist ein Meisterwerk.

Bislang hatte man den Stephan Thoss im Nationaltheater vorrangig als Erzähler getanzter Geschichten oder zumindest konkreter Themen erlebt. In „Crescendo“ dagegen steht Musik pur im Mittelpunkt – und was für welche! Für die emotionale Einstimmung sorgt Arvo Pärt („Cantus in Memory of Benjamin Britten“); in „Fratres für Violine und Klavier“ kommt das Motiv des Dialogs ins Spiel; Volker Bertelmann alias HAUSCHKA steuert mit „Material“ den rauen Einbruch des Industriezeitalters bei, „Conjurer“, das abschließende Konzert für Percussion und Streichorchester von John Corigliano, ist eine Klasse für sich. Dieses herausfordernde musikalische Programm wurde vom Orchester des Nationaltheaters mit solistischer Unterstützung live gespielt; der erste Kapellmeister Jānis Liepiņš hielt die vielschichtigen musikalischen Fäden konzentriert zusammen. Jens Knoop, Dozent an der Musikhochschule Mannheim, hatte an diesem Abend Gelegenheit, Percussions aller Art zu bedienen: von der Handtrommel bis zum großen Gong, von der Marimba über das Vibraphon bis zu Pauke. Man konnte ihn bei der künstlerischen Arbeit bestens beobachten – seine Instrumente waren zum Teil auf der Bühne aufgebaut. Das Sichtbarmachen der faszinierenden Spannweite von Klängen leiste einen gewichtigen Beitragt zur Faszination dieses Tanzabends.

Auf der Bühne erinnern grasgrüne Teppichgevierte an abgezirkelte Rasenstücke, zwischen denen gleichwohl große Risse klaffen. Über der Bühnenrückwand schwebt ein riesiger Rahmen, gefüllt mit gezackten Spiegelscherben, die ein geheimnisvolles Eigenleben führen – mal leuchten, mal spiegeln, mal als Projektionsfläche dienen. Natur ist im Spiel, Idylle gar, wenn im „Cantus“ Glocken erklingen – aber Emma Kate Tilson erinnert schon im Eingangssolo an einen Vogel mit vergeblich flatternden Flügeln; später lassen auch andere Tiere von Ferne grüßen. Stephan Thoss, Meister eines überaus dramatischen Bewegungsvokabulars, hat sich fast ein wenig zurückgenommen zugunsten von organischem Fließen, das durch die Körper der Tänzer*innen förmlich hindurchgeht. Gelegentlich blitzen sogar Ballettfiguren auf.

Die künstlichen Grasgevierte bieten treffliche Spielräume für jede Menge Solos und Duos – mehr als einmal sind die Besucheraugen überfordert, das gesamte Geschehen aufzunehmen. Aber an diesem Abend wird der außerordentlichen Musik gehuldigt. Sie bestimmt nicht nur den Rhythmus, sondern Stimmung, Färbung und Timing des szenischen Geschehens. Dabei gelingt die Umsetzung in permanenter Spannung ohne eine Sekunde Leerlauf. Am Ende werden die Teppiche zu Riesenkakteen gerollt – und begraben stürzend die letzten Tänzer unter sich.

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