„Mondo Paradiso“ von Posterino Dance Company. Tanz: Annalisa Piccolo, Bernardo Pereira Ribeiro, Clara Plausteiner, Gabriel Wanka

„Mondo Paradiso“ von Posterino Dance Company. Tanz: Annalisa Piccolo, Bernardo Pereira Ribeiro, Clara Plausteiner, Gabriel Wanka

Das sympathische Kleeblatt

Die Posterino Dance Company mit neuem zweiteiligem Abend im Münchner HochX

Geschlechtergleichstellung und Umweltverschmutzung betreffen eigentlich alle. Das hat sich der stadttheatererfahrene, heute freischaffende Choreograf Gaetano Posterino wohl gedacht und gleich beide politisch brisanten Themen aufgegriffen.

München, 29/04/2019

Geschlechtergleichstellung und Umweltverschmutzung betreffen eigentlich alle. Das jedenfalls hat sich der stadttheatererfahrene, heute freischaffende Choreograf Gaetano Posterino wohl gedacht und gleich beide politisch brisanten Themen für seinen neuen zweiteiligen Tanzabend aufgegriffen. Aber kann man Gendergrenzen und Klimawandel tatsächlich vertanzen?

Den Auftakt im intimen Bühnenambiente des HochX macht Posterinos griffiger Halbstünder „Mondo Paradiso“. Eine eindrückliche Choreografie über, mit und in viel Plastikmüll. Seit 1995 überzeugt der künstlerisch in München und Wiesbaden stationierte Italiener mit Arbeiten für Ballett, Tanztheater, Film und Oper. Die Gründung seiner eigenen Posterino Dance Company folgte 2002. Mit einem markanten Unterschied zu anderen Gruppen der zeitgenössischen freien Szene. Das lose aus jungen TänzerInnen und erfahrenen Profis zusammengesetzte Ensemble beherrscht nämlich – und das beachtenswert gut – auch das Vokabular des klassischen Balletts.

Clara Plausteiner (jüngster Zuwachs aus Augsburg), die in Rom ausgebildete Annalisa Piccolo, Bernardo Pereira Ribeiro, ein smarter Portugiese, und Gabriel Wanka (ehemals Student der hiesigen Ballettakademie) sind diesmal die einzigen, dafür recht wandlungsfähigen ProtagonistInnen. Ihr Start ins Stück beginnt geheimnisvoll. Mit kleinen Lämpchen zoomen sie ihre Körper ab. Plötzlich gehen alle vier mit bunten Ballons schwanger. Doch die luftgefüllten Kugeln zerplatzen und Augenblicke später verhüllen durchsichtige Tüten die Köpfe.

Drastisch wird der Gesamteindruck durch die Großaufnahme einer jungen Robbe im Hintergrund. Sie hat sich in ein Netz verheddert. Im Quartett rutschen die Tänzer zu Boden. Mutieren zu einem perfekt eingespielten Perpetuum mobile, das durch den virtuosen Umgang mit Bewegungseinschränkungen fasziniert. Schrittweise wird so die Frage nach dem Überleben abgehandelt. Im scharfen Kontrast dazu zelebrieren die Tänzer in einer Szene ausgeflippter Laufstegallüren die Fatalität unserer rücksichtlos verschwenderischen Konsumgesellschaft. Zum Walzer werden erst Müllsäcke geschwungen, dann Staubsauger aktiviert, deren Lärm bald ins Leere läuft.

„Mondo Paradiso“ lebt von einfachen, starken Bildern. Wenn aus Rieseneiern Quietschenten schlüpfen und auf Spitzenschuhen dahintrippelnde Ballettschwäne Packungen von Fertigessen am Tutu kleben haben, kapiert man's sofort: Hier geht es um die Gleichgültigkeit angesichts von Zerstörung. Wer wegschaut, verpasst bei dieser Aufführung definitiv etwas!

Seine vier TänzerInnen positioniert Posterino auch nach der Pause in „Pink and Blue“ stets ausgesprochen geschickt im Raum. Mal hocken sie auf ihren Stühlen, mal tanzen sie drumherum. Die Choreografie holt ihren Drive aus verschiedenen Songs. Deren Worte und Rhythmen motivieren Soli und Duette. Doch bleiben die Aussagen des Tänzerquartetts nun eher klischeehaft im Wagen. Die Männer greifen zu High Heels. Das Requisit der Frauen ist ein Lebkuchenherz. Der Versuch, geschlechtertypische Verhaltensmuster aufzulösen, gelingt nur halbwegs. Am Ende macht das sympathische Kleeblatt aber deutlich, dass jeder Mensch zählt. Egal, wie es unter der Kleidung um ihn steht. Runde Sache – Kurve noch gekriegt.
 

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